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Über den Geruchssinn des Menschen

Margret Schleidt

Die Forschung über die Bedeutung des menschlichen Geruchssinnes lag bisher so gut wie brach. Zwar gab es in den zwanziger Jahren einige Gelehrte, die sich mit Geruchsphänomenen beschäftigten - ich nenne hier Hans Henning und Johann Daniel Achelis - aber in der stürmischen Entwicklung der naturwissenschaftlichen Forschung unseres technisch-industriellen Zeitalters blieb der Geruch links liegen. Ein Hauptgrund dafür ist wohl der: der Geruchssinn wurde als ein für den Menschen unbedeutender Überrest aus der Evolution angesehen. Bei Tieren, insbesondere bei Insekten, niederen Wirbeltieren und Säugern ist der Geruchssinn gut entwickelt; dort hat er eine zentrale Stelle unter den Sinneseindrücken, die das Verhalten beeinflussen und steuern. Der Mensch hingegen hat begriffliches Denken und Sprache als seine Haupt„organe” entwickelt. Dafür sind Hören und Sehen die wichtigsten Sinneseindrücke geworden. Mit Auge und Ohr versuchen wir die Welt zu bewältigen, und wie gut uns das gelungen ist, können wir an der kulturellen Evolution des Menschen ablesen, an der hochzivilisierten Welt, in der wir leben. So ist es kein Wunder, dass der Geruchssinn als einer der „niederen" Sinne bisher nicht die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich zog.

Der Geruchssinn wurde aber nicht nur vernachlässigt, wie es einem unbedeutenden Sinn gebührt hätte, sondern er wurde regelrecht diskriminiert. Buffon, der große französische Naturforscher des 18. Jahrhunderts, nennt ihn--verächtlich einen Sinn der Animalität. Immanuel Kant charakterisiert den Geruchssinn als Gegensatz zur Freiheit, und Sigmund Freud argumentiert, dass Geruchsreize unwichtig wurden, als der Mensch sich im Laufe der Evolution auf seine zwei Beine stellte und die Nase von nun ab hoch über der Erde trug. Diese Einstellung gegenüber dem Geruchssinn als einem des Menschen eigentlich nicht würdigen Sinne, der niedrig und animalisch sei, der den Menschen unfrei mache, hielt sich lange und verhinderte zusätzlich die Forschung. Als Beispiel für die Vernachlässigung des Geruchssinnes führe ich die Zusammenstellung deutschsprachiger Untersuchungen über nichtverbale Kommunikation der letzten 20 Jahre an (Ellgring 1981). Dort sind Arbeiten zur optischen und akustischen Kommunikation mit 98 % vertreten, zur geruchlichen mit 2 %. In der englischsprachigen Fachliteratur ist es ähnlich.

Diese Einstellung gegenüber dem Geruchssinn hat sich in der letzten Zeit geändert. Geruchsforschung wird mehr und mehr betrieben, sowohl in den USA als auch in Europa. In der Literatur, die ein Spiegel des Zeitgeistes und Zeitgeschmacks ist, wurden jüngst zwei Bücher dem Geruch gewidmet. Der Historiker Alain Corbin (1984) beschreibt das riechende Frankreich im 18. und 19. Jahrhundert, und Patrick Süskind schrieb einen Roman (1985) „Das Parfüm", der hauptsächlich vom Riechen handelt und der auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten steht. In den USA kann man Geruchsschallplatten kaufen, die man in einem bestimmten Apparat „abspielt", wodurch in Mikrokapseln eingeschlossene Gerüche freigesetzt werden. Die Bundesgartenschau hat einen speziellen „Duft"-garten bekommen, und wir sitzen hier zu einem Geruchs-Symposium zusammen.
Der Geruchssinn ist also anscheinend aus seiner Strafecke befreit und findet vielfältige Beachtung.

Womit hängt dieser Sinneswandel zusammen? Wie kommt diese neue Mode zustande? Der Grund liegt, so denke ich, in einer neuen Hinwendung zur Emotionalität, zu den Gefühlen. Heute scheinen nicht nur einseitig die kognitiven Leistungen des Menschen wichtig, sondern genauso sein Gefühlsleben. Der ganze Mensch rückt so in den Blickpunkt. Und wie nun Auge und Ohr mehr dem Denken und dem Verstand zugeordnet sind, so hat der Geruch mehr mit dem Gefühl zu tun. Diese Tatsache wird in verschiedener Weise deutlich.
Geruchsreize werden im Gehirn anders weitergeleitet als Seh- und Hörreize. Die Geruchsnervenbahnen erreichen im Gehirn zuerst stammesgeschichtlich sehr alte Hirnteile, das so genannte limbische System, und enden hier. Das limbische System umschließt wie ein Ring (lat. limbus) den Hirnstamm und hat viele Verbindungen zum Großhirn. Dieses limbische System ist der Sitz von Gefühlen und Affekten. Geruchsreize treffen also im Gehirn zuerst mit gefühlsverarbeitenden Teilen zusammen und erst später mit solchen, die mit Verstand und Denken zu tun haben, nämlich dann, wenn sie in die Großhirnrinde weitergeleitet werden. Ganz anders ist das bei Hör- und Sehreizen: diese gelangen zuerst in die Großhirnrinde und werden dann erst in das limbische System umgeschaltet. Auf diesem anatomischen und nervenphysiologischen Unterschied basiert der Vorrang der Gefühle beim Geruch.

Auch im Verhalten ist diese starke Gefühlskomponente beim Riechen sehr deutlich zu sehen. Einem Geruch steht man sehr selten gefühlsmäßig neutral gegenüber,
Auch im Verhalten ist diese starke Gefühlskomponente beim Riechen sehr deutlich zu sehen. Einem Geruch steht man sehr selten gefühlsmäßig neutral gegenüber, sondern entweder man lehnt ihn ab, findet ihn ekelerregend und widerlich, oder man fühlt sich zu ihm hingezogen, findet ihn angenehm und wohltuend. Am Gesichtsausdruck von Versuchspersonen, die Gerüche vorgesetzt bekommen, ist dieses Miss- oder Wohlbehagen sehr deutlich abzulesen (Bret und Economides 1983). Verbunden mit dem Gefühl, das in der Mimik ablesbar ist und in Worten geäußert wird, ist eine körperliche Zu- oder Abwendung. Bei unangenehmen Gerüchen wenden sich die Versuchspersonen ab, halten sich die Nase zu, kurz, sie versuchen, dem Geruch zu entgehen. Umgekehrt ist es bei angenehmen Gerüchen: da wenden sie sich der Geruchsquelle zu, atmen den Geruch tief ein, wollen in der Nähe des Geruches bleiben. Diese Beobachtungen machte Achelis schon 1929. Er beschreibt die Reaktionen der Versuchspersonen als sehr urtümlich, und dass sie nicht in der gleichen Weise bei anderen Sinnen zu finden seien. Das hat sich in den neueren Forschungen bestätigt. Diese einfache und klare Zuwendung oder Abwendung spielt bis in die Erinnerung an Gerüche eine Rolle, wie wir durch Befragungen festgestellt haben (Schleidt und Neumann 1985).

Gerüche ziehen uns also an oder stoßen uns ab, sie lösen unmittelbar Gefühle aus, sie wirken auf unser Befinden ein. Es ist also wohl richtig, was die Ärzte der Antike, im alten Griechenland, behaupteten: „Die Nase steht von allen Sinnesorganen dem Gehirn am nächsten, und sie ist daher der Ursprung des Gefühls"

Gibt es nun noch weitere Eigenschaften, die das Riechen vom Sehen und Hören unterscheiden? Eine besondere Eigenschaft von Gerüchen ist, dass man für sie ein besonders gutes Gedächtnis hat; sie werden im Langzeitspeicher des Gedächtnisses weniger vergessen als Gehörtes und
Geschautes (Engen 1982). Noch nach Jahren erinnert einen ein Geruch an ein bestimmtes Ereignis. Ein schönes Beispiel dafür beschreibt der Psychologe Laird (1935). Eine seiner Versuchspersonen erzählt:
„Ich fuhr eines Tages mit dem Zug und war voll guter Dinge. Auf einmal fühlte ich mich entmutigt, linkisch und unglücklich. Dann bemerkte ich ein Parfum, das ein Mitreisender trug, und plötzlich sah ich mich sehr lebendig in einem großen Tanzsaal mit einem französischen Tanzmeister, und ich fühlte die Verzweiflung bei meinen armseligen Versuchen, die Tanzschritte zu erlernen, die er mir beizubringen versuchte.

Sowie dieses Erinnerungsbild in mein Bewusstsein trat, wusste ich, warum ich mich plötzlich so unglücklich gefühlt hatte, und meine vorherige gute Stimmung kehrte zurück. Dieses Ereignis fand 15 oder 20 Jahre nach meiner Begegnung mit dem Tanzmeister statt."
Dieses Erlebnis, meine ich, illustriert sehr schön die besprochenen Eigenschaften des Geruchssinnes: seine Emotionalität und die lang dauernde Erinnerung, die bis in Details hervorgeholt werden kann, wenn man erneut einen entsprechenden Geruch erlebt.

Nach dieser Charakterisierung der Eigenschaft des Geruchssinnes erhebt sich nun die Frage, welche Lebensbereiche dieser Sinn beeinflussen kann und welche Funktionen er hat. Manchen Autoren zufolge ist es besonders die Ernährung, für die der Geruch bedeutsam ist. Man liest auch öfter, dass seine Hauptfunktion in der Warnung vor Gefahren läge. Beides scheint nicht zu stimmen, wie aus unseren Untersuchungen hervorgeht. Zusammen mit meinem Kollegen Peter Neumann aus München habe ich Interviews mit 166 Versuchspersonen durchführen lassen mit dem Ziel, herauszufinden, welche Gerüche sie besonders angenehm und welche besonders unangenehm fanden. Darüber hinaus sollten die Betreffenden uns noch möglichst viel von dem mitteilen, was ihnen bei der Nennung des Geruches in den Sinn kam. Auf diese Weise erhielten wir 1516 einzelne Geruchsnennungen und 2143 zusätzliche Bemerkungen, die wir analysierten und nach dem Inhalt gruppierten. Das ergibt ein ziemlich gutes und genaues Bild dessen, was Gerüche für Menschen aus unserer Zivilisation bedeuten
können. Die Geruchsnennungen umfassen praktisch alle Lebensbereiche. Die meisten Gerüche ordnen sich in die von uns so benannte Rubrik „Zivilisation" ein. Erst an zweiter Stelle folgen dann Nahrungsgerüche. An dritter Stelle in der Häufigkeit wurden Gerüche aus der Natur genannt, und dann folgen menschliche Gerüche. Ich finde diese Reihenfolge ganz interessant, sagt sie doch aus, dass die alltägliche Umgebung des Menschen geruchlich wahrgenommen wird und ihre Spuren in der Erinnerung hinterlässt. Und der dickste Topf besteht eben aus Zivilisationsgerüchen in unserer westlichen Welt.

Die Versuchspersonen haben uns etwas mehr positive Geruchserinnerungen genannt als negative. Auch das ist ein wichtiger Befund, der zeigt, dass die These von den überwiegend negativen Geruchserfahrungen so nicht stimmen kann. Geruchserfahrungen weisen nach unserem Befund mindestens genauso oft auf Zuträgliches, wie sie vor Schädlichem warnen.

Lassen Sie mich ein wenig schildern, was für Gerüche uns unsere Versuchspersonen genannt haben. Schauen wir zuerst die großen Einteilungskategorien an: In der Kategorie „Zivilisation" überwiegen negative Gerüche, das gleiche gilt für die Kategorie „menschliche Gerüche". Hingegen überwiegen positive Geruchsnennungen in den Kategorien „Nahrung" und „Natur".

Welches sind nun die Gerüche im Einzelnen? Im Zivilisationsbereich sind es von den unangenehmen Gerüchen in erster Linie die Abgase von Autos und Fabriken und verschiedene Chemikalien, die genannt wurden. Auch Tabak- und Zigarettenrauch wurde häufig erwähnt. Diesen großen unangenehmen Bereichen steht ein großer positiver Bereich gegenüber. Es sind Körperpflegemittel und Parfums, die uns überwiegend als positiv genannt wurden. Der Rest der Nennungen besteht aus zahlenmäßig kleineren Gruppen und betrifft verschiedene Gegenstände, von denen frische Wäsche und Kleidung ausschließlich positiv bewertet wurden. Einige Chemikalien wurden ebenfalls häufig positiv erwähnt, vorwiegend solche, die Lösungsmittel enthalten.

Unsere zweite große Kategorie, die Nahrungsmittel, hat über die Hälfte angenehme
Nennungen. Die negativen Essensgerüche betreffen in erster Linie Speisen, die nicht mehr frisch sind oder verbrannt, also allgemein Verdorbenes, Ungenießbares. Davon sind stark eiweißhaltige Nahrungs- mittel wie Fisch, Fleisch, Milchprodukte und Eier besonders betroffen. Machen wir schnell einen Sprung zu den restlichen Kategorien und schauen, was dort am häufigsten sehr unangenehm bewertet wurde: es sind tierische und menschliche Exkremente und ganz allgemein Verfaultes und Verwestes. Wir sehen also, dass die Geruchserinnerungen als negativ solche Gerüche speichern, die Schädliches anzeigen. Die Versuchspersonen äußerten auch zusätzlich sehr oft: „davon ist mir schlecht geworden", „es ekelt mich dabei" oder „da konnte ich nicht mehr frei atmen, nicht mehr durchatmen". Das letzte wurde besonders bei Abgasen geäußert.

Wenden wir uns nun aber wieder angenehmen Gerüchen zu. Ich sagte schon, dass aus dem Bereich „Natur" am meisten angenehme Gerüche genannt wurden. Positive Naturgerüche übertreffen sogar in der Anzahl noch das gute Essen und Trinken - einschließlich des in unserer Kultur sehr geschätzten Alkohols! Was sind nun die positiven Naturgerüche? An erster Stelle stehen Wald und Holz. Im Wald fühlen sich die Versuchspersonen froh und glücklich, hier können sie sich erholen, sie können tief durchatmen, das sind ihre Aussagen. Wer würde nicht, wenn er von dieser Geruchsvorliebe erfährt, an das beginnende Waldsterben denken, das es zu stoppen gilt. Ich glaube aber nicht, dass die vielen Nennungen von guten Waldgerüchen von dieser Angst gefärbt waren, denn Aussagen über vergiftete Umwelt, Umweltschutz und Ähnliches machten die Versuchspersonen nur im Zusammenhang mit negativen Gerüchen. Bei den angenehmen Waldgerüchen wurde nur das Positive und Glückliche beschrieben. Der Wald ist also in unserer Kultur anscheinend immer noch der Ort, wo man sich am besten erholen kann.

An zweiter Stelle der positiven Naturgerüche stehen Blumen und Blüten. Da dieses Symposium im Zusammenhang mit der Bundesgartenschau steht, möchte ich auf die einzelnen Blumennamen eingehen, die uns genannt wurden. 32 mal wurde unspezifisch einfach „Blumenduft" gesagt. Dann folgte mit 20 Nennungen die Rose, andere Blumen wurden mit 1-5 Nennungen sehr viel weniger erwähnt. Unter ihnen waren Flieder, Jasmin, Veilchen, Lavendel, Maiglöckchen und Lindenblüten die häufigsten. Sehr interessant ist diese häufige Erwähnung der Rose. Ich denke, das kann damit zu tun haben, dass die Rose die am längsten kultivierte Blume ist. Die erste Rosenzucht wird schon auf 2000 v. Chr. angesetzt. Seit dem Altertum ist die Rose außerdem mit einer vielfältigen Symbolik umgeben; in allen Ecken und Enden in unserer Kultur begegnen wir Rosensymbolik. Aus dem häufigen Auftauchen der Rose in unserer Befragung können wir also schließen, dass es nicht. immer allein auf den Geruch ankommt, sondern dass auch kulturspezifische Vorlieben eine Rolle spielen. Sicher ist ebenfalls das Aussehen wichtig. Aus all diesen Gründen wählten wahrscheinlich unsere Versuchspersonen das „unscheinbare" Veilchen weniger h¨ufig als die „stolze" Rose.

Aus dem Bereich der Flora wurde noch der Geruch nach Wiese, Gras und Heu ebenfalls fast einstimmig als angenehm bezeichnet. Genauso oft wurde positiv genannt: Meeresgeruch, sowie andere „Elemente": Luft, Süßwasser, Erde. Wir sehen also, dass für den Menschen in erster Linie solche Gerüche anziehend sind, die Grunderfordernisse des Lebens begleiten: gute und unverdorbene Nahrung, Sauerstoff zum Atmen, der von den Pflanzen, insbesondere im Wald bereitgestellt wird, und reines Wasser. Das Bedürfnis nach Naturnähe hat Eibl-Eibesfeldt als charakteristisch für den Menschen westlicher Zivilisationen herausgestellt. Er sagt, dass sich dieses Bedürfnis besonders in der Vorliebe für Pflanzen und Wasser darstellt. Pflanzen und Wasser zeigen ja seit Urzeiten den Lebensraum an, der für menschliche Existenz günstig ist. Seit Menschen auf dieser Erde leben, brauchen sie die Nähe von Pflanzen und Wasser. Diese Vorliebe für die Natur zeigte sich in unserer Befragung außer bei den positiven Naturgerüchen auch in den zusätzlichen Bemerkungen der Versuchspersonen. Sie sagten außerordentlich oft, dass ihnen ein Geruch gefällt, weil er so natürlich sei, so ganz unverfälschte Natur. Im Gegensatz dazu gefielen ihnen manche Gerüche nicht, weil sie unnatürlich oder künstlich seien.

Die Lust am Blumenduft könnte man über das Gesagte hinaus vielleicht auch als Bedürfnis nach Luxus beschreiben. Das träfe sich mit der Vorliebe unserer Versuchspersonen für Parfums, die ich erwähnte. Blumen und Parfums werden ungefähr in gleicher Häufigkeit als angenehm erwähnt, und beides kommt gleich nach der größten angenehmen Gruppe, dem Wald. Ob allerdings die Freude am Ästhetischen und am Luxus allein ausreicht, um die Vorliebe für Parfums zu erklären, ist nicht gesagt. Vielleicht wird das klarer, wenn wir uns nun der letzten Kategorie zuwenden, den „menschlichen Gerüchen".

Ich erwähnte schon, dass aus diesem Bereich meist unangenehme Gerüche genannt wurden. Dieser Befund hat uns verwundert, und wir haben Vorstellungen entwickelt, warum das wohl so ist. Werfen wir zuerst aber wieder einen Blick auf die Gerüche selbst. Als unangenehm und abstoßend wurden die Ausscheidungen des Menschen (Exkremente und Erbrochenes) genannt, sowie Ausdünstungen des Körpers wie Mundgeruch und Schweißgeruch. Achselschweiß als unangenehmer Geruch wurde sogar mit der größten Häufigkeit innerhalb der menschlichen Gerüche genannt. Dieser unangenehme Schweißgeruch wurde meistens als der von fremden Menschen beschrieben. Er wurde vor allem im Gedränge von S-Bahnen, Bussen und in Kaufhäusern als abstoßend wahrgenommen, also in Situationen, aus denen man sich nicht sofort befreien kann. Im Gegensatz dazu wurde der Geruch bestimmter Individuen (des Partners, des eigenen Kindes, der Geruch des eigenen Körpers) als besonders angenehm genannt. Wir haben hier also einen Gegensatz von bekannten und vertrauten Menschen auf der einen Seite und fremden Menschen auf der anderen. Diesen Gegensatz spiegeln auch die zusätzlichen Bemerkungen, wo die Versuchspersonen oft angeekelt von Menschenmassen sprechen. Voll Freude aber sprechen sie von der kleinen Gruppe von Freunden oder der Familie. Ebenso wurde die Freude am Zusammensein mit dem Partner deutlich.

Dies entspricht wieder einem humanethologischen Befund von Eibl-Eibesfeldt (1984), der eine Neigung des Menschen in Kulturen aus aller Welt feststellte, sich in überschaubaren kleinen Gruppen wohlzufühlen und eine tiefgreifende Bindung an solche Gruppen einzugehen. Hingegen wird der Aufenthalt in anonymen Menschenmassen, wie ihn der Alltag in westlichen Zivilisationen mit sich bringt, als anstrengend und unangenehm erlebt. Solche komplexen sozialen Einstellungen spiegeln sich also auch in Geruchsvorlieben und Geruchsabneigungen wider. Die häufige Konfrontation mit fremden Menschen in anonymen Massen im Alltag unserer Versuchspersonen könnte ein Grund dafür sein, dass überwiegend negative menschliche Gerüche genannt wurden. Ausgesprochene Sexualgerüche wurden in unserer Befragung selten erwähnt, hingegen wurde das Thema Sexualität in den zusätzlichen Bemerkungen öfter angesprochen. Wenn wir allerdings allgemeinen Körpergeruch und insbesondere Axillargeruch ebenfalls im Zusammenhang mit Sexualität sehen, dann bekommt menschliches Sexualverhalten seinen gebührenden
Platz in den Geruchsaussagen. Was für eine Bedeutung hat der Geruch der Achselhöhle? Er ist in unserer Kultur ja ein großes Tabu, und wir tun alles, um ihn zu desodorieren und mit künstlichen Düften zu überdecken. Erinnern wir uns an die Vorliebe für Parfums in den Geruchsnennungen! In der Achselhöhle befinden sich die sogenannten apokrinen, die großen Schweißdrüsen. Man findet sie ebenfalls im behaarten Teil der Genitalien und um die Brustwarzen herum. Diese Drüsen scheiden ein sehr eiweißreiches Sekret aus, das nicht zur Abkühlung des Körpers dient, wie die Ausscheidungen aus den ekkrinen, den kleinen Schweißdrüsen, die über den ganzen Körper verbreitet sind. Das Sekret der großen Schweißdrüsen wird von spezifischen Bakterien zersetzt und trägt dann zu dem typischen Geruch eines jeden Menschen bei. Die großen Schweißdrüsen entwickeln sich erst mit der Pubertät, sie sind also vom Spiegel der Sexualhormone im Körper abhängig. An ihrem Geruch kann man Männer und Frauen unterscheiden, wie wir nachweisen konnten. Buben und Mädchen vor der Pubertät können nicht an ihrem Körpergeruch unterschieden werden (Schleidt und Hold 1982).
Bei Männern wird in der Achselhöhle zusätzlich ein bestimmter Wirkstoff ausgeschieden, das Androstenol, das eine sehr ähnliche chemische Strukturformel hat wie das männliche Geschlechtshormon Testosteron. Androstenol riecht in geringer Konzentration sandelholzartig oder moschusartig, in starker Konzentration und wenn es länger an der Luft war, urinartig. Dieses Androstenol hat als mögliches menschliches Pheromon in der letzten Zeit viel Staub aufgewirbelt. Es kann künstlich hergestellt werden und wurde z.B. in Versuchen auf Stühle aufgesprüht (Kirk Smith und Booth 1980). Frauen setzten sich auf solche besprühten Stühle öfter als auf unbesprühte, Männer aber mieden sie. Der Geruch wirkt also auf Frauen anziehend und auf Männer abstoßend. Andere Versuche mit Androstenol ergaben allerdings kein so klares Bild. Deshalb und vor allem weil der Mensch kein tierischer Säuger ist und schon gar kein Insekt, wo Pheromone eine unbedingte und angeborene Wirkung haben, ist eine vorsichtige Interpretation notwendig. Es gibt aber zu denken, dass Moschusgerüche von alters her in der Parfumindustrie verwandt wurden und dass Androstenol sehr angenehm moschusartig riecht. Im Sellerie, der in früheren Zeiten gern als Aphrodisiakum verwendet wurde, ist dieser Stoff auch nachgewiesen (Claus und Hoppen 1979). Wir sehen aus all dem, dass der Geruch der Achselhöhle mit Sexualität zu tun hat.

Er hat aber auch, wie ich schon sagte, mit dem typischen Körpergeruch eines jeden Menschen zu tun. Jeder Mensch hat seinen ganz individuellen Geruch, der so nur ihm zu eigen ist wie seine Fingerabdrücke oder sein Immunsystem. Jeder Mensch ist geruchlich unverwechselbar. Dafür sind ererbte Faktoren mit maßgebend, wie Hans Kalmus schon 1955 nachwies. Er arbeitete mit Spürhunden und stellte fest, dass diese bei der geruchlichen Unterscheidung von Menschen keine Schwierigkeiten hatten, außer wenn sie an eineiige Zwillinge gerieten. Die konnten sie nur schwer unterscheiden.

Wir Menschen können einander auch am Geruch unterscheiden, wie ich zusammen mit Barbara Hold und Grazia Attili (1981) nachgewiesen habe. Wir haben Versuchspersonen T-Shirts zum Beschnuppern gegeben und dabei festgestellt, dass Ehepartner ihren Geruch gegenseitig erkennen konnten und angenehmer fanden als den Geruch von fremden Männern und Frauen. Genauso war es bei Müttern und ihren Kindern: Mütter konnten die eigenen Kinder am Geruch erkennen und hatten den Geruch auch lieber als den von fremden Kindern. Wir haben hier also wieder den Gegensatz von fremd und bekannt, der sich in der Bewertung von Gerüchen auswirkt. Mütter erkennen ihre Babies übrigens schon am zweiten Tag nach der Geburt, und die Babies können das auch. Sie erkennen ihre Mütter am Geruch der Brustwarze oder der Achselhöhle, wie man mit duftimprägnierten Tüchern feststellte (Schaal et al. 1980, Porter und Cernoch 1985). Das geht natürlich nur bei brustgestillten Kindern, Flaschenkinder können das nicht.

Halten wir also fest: Körpergeruch ist im Sozialverhalten wichtig, der Geruch von Menschen, die uns gefühlsmäßig nahe stehen, ist uns angenehm, der von fremden Menschen meist unangenehm. Sehr schön
ist das alles im Alten Testament ausgedrückt. Der blinde Isaak hält seinen Sohn
Jakob für Esau, dessen Kleider dieser trägt. Isaak soll getäuscht werden, und er lässt sich
täuschen. „Er roch den Geruch seiner Kleider und segnete ihn und sprach: Siehe der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch des Feldes, das der Herr gesegnet hat." Wie schön ist hier die Verbindung von einem lieben und werten Menschengeruch und einem Naturgeruch!

Zum Schluss will ich noch ein wenig bei angenehmem Geruch verweilen. Solch einen guten Geruch möchten wir am liebsten einsaugen, wir möchten mehr und mehr von ihm aufnehmen. Wir fühlen, dass er uns heiter stimmt und uns Kraft gibt. Sie kennen das sicher von einem bestimm- ten Parfum oder von einem Blumenduft. Es ist vorstellbar, dass wir mit Hilfe eines solchen positiven Geruches wie berauscht sind, dass wir Lebens- und Entscheidungskraft aus ihm ziehen können. In diesem Sinne will ich einige Zeilen aus der Biographie des Dichters Elias Canetti, (1977, S. 202) zitieren, worin er solchen Gefühlen meisterhaft Ausdruck verleiht. Er spricht von einem Aufenthalt in der Schweiz mit seiner Mutter:

„Da stiegen wir oft mit ihr durch den Wald zur Rütliwiese hinunter, anfangs Wilhelm Tell zu Ehren, aber sehr bald, um die stark duftenden Zyklamen zu pflücken, deren Geruch sie liebte. Blumen, die nicht dufteten, sah sie nicht, es war als ob sie nicht existierten ... Von der Rütliwiese aber war sie hingerissen: „Kein Wunder, dass die Schweiz hier entstanden ist! Unter diesem Zyklamengeruch hätte ich alles geschworen. Die haben schon gewusst, was sie verteidigen. Für diesen Duft wäre ich bereit, mein Leben hinzugeben." Plötzlich gestand sie, dass ihr am Wilhelm Tell immer etwas gefehlt habe. Nun wisse sie, was es sei: der Geruch. Ich wandte ein, dass damals vielleicht noch keine Waldzyklamen da waren. „Natürlich waren sie da. Sonst gäbe es doch die Schweiz nicht. Glaubst du, die hätten sonst geschworen? Hier, hier war es, und dieser Geruch hat ihnen die Kraft zum Schwur gegeben. Glaubst du, es .gab sonst keine Bauern, die von ihren Herren unterdrückt wurden? Warum gerade die Schweiz? Warum diese inneren Kantone? Auf der Rütliwiese ist die Schweiz entstanden und jetzt weiß ich, woher die ihren Mut nahmen."

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass nicht nur dem Geruch in der Forschung mehr Raum gegeben werde, sondern dass auch verlorene gute Gerüche des Alltags zurückkehren mögen. Ich möchte wieder duftende Pfirsiche und Äpfel kaufen und auf dem Markt oder in Blumengeschäften einen duftenden Rosenstrauß erstehen und nicht, wie es mir neulich passierte, in ungefähr zwanzig verschiedene Rosensträuße meine Nase stecken, ohne das Geringste an Duft wahrnehmen zu können.


Aus dragoco report 01/1986
Mit freundlicher Genehmigung

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