Versand auch nach Schweiz Österreich Dänemark
Wir sind für Sie da: +49 (7739) 1452

Willkommen

Patchouli - Faszination eines Duftes

Edwin T. Morris*

Patchouliöl ex Pogostemon cablin (Pogostemon patchouly Pellet. var. suavis Hook. f.), Pogostemon heyneanus und verwandten Arten wird seil über 1500 Jahren wegen seines vollen, lang anhaftenden holzig-erdigen und balsamischen Wohlgeruchs geschätzt, der sich so sehr von dem aller anderen Aromatika unterscheidet. Die Geschichte des Patchouli nimmt ihren Anfang im Osten - der Heimat dieser tropischen Labiate -, wo es mit religiösen und höfischen Riten untrennbar verknüpft ist. Die Inder verwendeten es bei ihren buddhistischen Kulthandlungen. Im Mahayana- und Theravada-Buddhismus spielte das Räucherwerk eine große Rolle, und heute wie damals wird Patchouli in Räucherstäbchen zur Ehre Buddhas verbrannt. Einen Tempel nannte man „Haus des Räucherwerkes" (gandhakuti). Richtete man das Wort an einen Boddhisattva, so war die Anrede „duftender König" oder „duftender Elefant", und die Heimat der Glückseligen war der „Berg des Räucherwerkes" (gandhamadana).

Als der indische Handel sich ausweitete und die „Roten Länder" Malayas und den indonesischen Archipel einbezog, brachten indische Kaufleute die anspruchsvollere Verwendung von Duft als individuelle Zierde der Persönlichkeit mit. Die herrschende Kaste der von Indien beeinflussten Länder machte reichlich Gebrauch von Patchouli bei der Parfümierung von Salben und Pulvern. Im fünften, sechsten und siebenten Jahrhundert, unserer Zeitrechnung spielte dort wie in Indien selbst die Bekleidung eine untergeordnete Rolle, während Baden und anschließendes Einreiben des Körpers mit Spezereien recht beliebt war.

Den nördlich dieser Region lebenden Chinesen erschienen die Berichte von der prächtigen Duftentfaltung der „Südmeere" (Nan Hai)- unglaublich. Dagegen war den Angehörigen der T'ang-Dynastie bereits bekannt, dass dort wohlriechende Harze, lieblich duftende Kräuter wie Patchouli, Gewürznelke, Muskat, Macis, Kardamom, Ingwer und andere Gewürze in großer Zahl zu finden waren. In den Südmeeren sollte es, der Sage nach, eine Pflanze geben, deren Wurzeln aus Sandelholz (Santa/um album), Zweige aus Aloeswood (Aquilaria agallocha und A. malaccensis), Knospen aus Gewürznelken (Eugenia caryophyllata), Blätter aus Patchouli (Pogostemon spp.) und Rinde aus Weihrauch-Harz (Boswellia spp.) bestanden.' Ganze Haine von Bäumen sollten „wohlriechende Harze und Balsame aussondern", während die aromatischen Pflanzen Chinas im Vergleich zu denen der Südmeere bestenfalls einen „Arme-Leute-Weihrauch" zustande brächten.

China hatte den indischen Buddhismus mit seiner Vorliebe für Räucherwerk übernommen. Daneben gab es einen Staatskult, in dessen Mittelpunkt die Gestalt des Kaisers stand, und einen städtischen Lebensstil, bei dem Wert auf Körperpflege und gute Düfte gelegt wurde. Zwischen 700 und 1400 waren die drei Häfen von Kanton, Ch'üan-chou (dem „Zayton" Marco Polos in der Provinz Fukien) und Yang-chou am Yangtse-Fluß Schauplätze eines ersprießlichen Handels mit wohlriechenden Produkten. Die Pflanzenteile wurden unter Zusatz von Wasser zu einer verarbeitungsfähigen Paste zermahlen. Diese wurde dann durch „Düsen" gepresst und an der Luft getrocknet. Die Räucherstäbchen waren von so gleichmäßiger Beschaffenheit, dass sie als einfache Uhren Verwendung fanden; eine in das Stäbchen geschnittene Kerbe konnte den Ablauf einer Stunde anzeigen. Außerdem behandelte man Kleidungsstücke mit Weihrauch. So entwickelte man in China und später auch in Japan besondere Rahmen, über die die Seidenstoffe gespannt und den sich ringelnden Wölkchen duftenden Weihrauchs ausgesetzt wurden. Patchouli war einer der Bestandteile der Weihrauchmasse, die für diesen Zweck verwendet wurde, und gehörte auch zu den Aromatika, mit denen die Chinesen Duftkissen herstellten, die sie in den Falten ihrer Gewänder trugen. Es gab einen höfischen Tanz, bei dessen Ausführung die Tänzer dem Publikum solche Duftkissen durch die Luft zuwarfen.

Unter der T'ang-Dynastie wurde Patchouli hauptsächlich aus dem Gebiet des Tenasserim-Flusses in Niederburma und später auch von mehreren indonesischen Inseln eingeführt. Im elften Jahrhundert - so ist uns überliefert - wurde die Pflanze in der Gegend von Kanton angebaut. Als der chinesische Handel mit Indonesien im 16. Jahrhundert eingeschränkt wurde, entwickelte sich die Insel Hainan zu einem Zentrum des Patchouli-Anbaus. Heute gelangt China immer mehr als eines der aufstrebenden Erzeugerländer in den Blickpunkt.

Europäische Reisende entdeckten das Patchouli zuerst in Malaya und Holländisch Ostindien. Der Botaniker Rumpf, der zwischen 1653 und 1692 in Amboina seine Arbeiten schrieb, nannte diese Labiate den „Bade-Balsam", aufgrund seiner Beobachtungen unter den Bewohnern Javas, Balis und Malayas bei der Verwendung dieser Pflanze. Auch die Kleider wurden mit einem Zusatz von Patchouli gewaschen; ebenso verwendete man es in der Heilkunde. Noch heute trinken die Malaien einen Aufguss der Patchouli-Blätter zur Linderung von Husten und Asthma und machen damit Umschläge gegen Kopfschmerzen und Furunkel.3 Französische Händler entdeckten das Patchouli in Basars entlang der Koromandel-Küste (östliche Küste Indiens). Das von uns gebrauchte Wort „Patchouli" hat seinen Ursprung in der Tamil-Sprache Südindiens- „paccilai", was soviel bedeutet wie „grünes Blatt". In Malaya ist Patchouli unter dem Namen „dilem" bekannt.

Vor 1800 wussten nur einige europäische Kolonisten etwas von Patchouli. Durch einen kuriosen Umstand hielt der Duft dieses Krautes schnell seinen Einzug in die europäische Modewelt, und zwar während und nach der napoleonischen Ära. Mittler des Duftes waren nicht etwa Räucherutensilien, Duftkissen, Parfum oder sonstige übliche Anwendungen, sondern der Kaschmir-Schal, der zu einem Mode-Hit wurde, nachdem Napoleon einige dieser Tücher von seinem ägyptischen Feldzug nach Paris mitgebracht hatte. In Indien wurde das Kraut schon lange zum Schutz gegen Motten genutzt und zwischen Teppiche, Schals und andere wollene Gegenstände gestreut. Kaschmir-Schals, aus der Unterwolle des Winterpelzes der tibetanischen Bergziege (Capra hircus) gewebt, bildeten dabei keine Ausnahme. Sie waren sehr fein gewebt und mit schönen Mustern geschmückt. Von den Mogulen wurden sie „Ring-Schals" genannt, weil man sie durch einen Fingerring ziehen konnte. Sie waren es schon wert, gegen Insektenschaden geschützt zu werden. In Indien wurden diese Schals von Männern und Frauen seit 400 Jahren getragen, ehe sie nach Europa kamen („Schal” kommt von dem persischen Wort „shal"). Typisch für den Kaschmir-Schal war das „buta"-Motiv (buta = Blüte) - zierliche Blütenformen, die in einem abgeschrägten, besonders dekorativen Endstück gipfeln. Farbe und Muster bildeten einen perfekten Kontrast zu dem matten Weiß, das charakteristisch war für den Stil des Empire und die Zeit danach; aber es war nicht nur die Musterung des Schals, die Europa in ihren Bann zog. Selbst, nachdem europäische Fabriken in Paisley (daher auch „Paisley-Design" für das Kaschmir-Muster) und Reims darangegangen waren, diese Schals zu imitieren, wurde das parfümierte Original zu immer höheren Preisen gehandelt. Es begann die Suche nach dem Ursprung dieses faszinierenden, starken Parfums.

Die ersten Anzeichen einer Antwort kamen aus Singapur, wo. britische Zollbeamte bemerkt hatten, dass Mekka-Pilger aus Java ihre Kissen und Matratzen mit Patchouli-Blättern stopften, zum Schutz gegen Seuchen auf ihrer langen Seereise. Am 27. Juni 1844 trafen 46 Kisten mit getrockneten Blättern in London ein: Die Pflanze wurde von einem gewissen Dr. Pereira identifiziert, der in Indien ihre Bekanntschaft gemacht hatte. Endlich war das Geheimnis um das Parfum des Schals gelüftet. Flugs machten sich die Fabrikanten daran, den neuen Import zwischen ihre einheimische Ware zu streuen. Ergebnis: Die Verkäufe zogen kräftig an. Die. Kunden bekamen, was sie wünschten.

Welche Pflanzen sind nun für diesen intensiven, charakteristischen Geruch verantwortlich? Pogostemon heyneanus, das „dilem kembang" oder blühende Patchouli Indonesiens, ist eine der Duftquellen - eine ursprüngliche Pflanze der indo-malaiischen Region, die lange Zeit als Patchouli-Vorratskammer Indiens und Indonesiens genutzt wurde. Eine eng verwandte Pflanze, die Microtaena cymosa, kommt in der Hügellandschaft Nordostindiens vor und gedeiht in ganz Burma bis hinunter nach Sumatra und Java. Sie wird ebenfalls zu Räucherzwecken, für Bäder und als Insektenbekämpfungsmittel verwendet. Die Pflanze mit der feinsten, lieblichsten Duftnote ist jedoch Pogostemon cablin oder „dilem wangi", das kultivierte Patchouli-so bezeichnet, weil es selten in Indonesien oder Malaya natürlich vorkommt, sondern durch Setzlinge, also durch den Menschen, verbreitet werden muss.

Es wird berichtet, dass die Pflanze in Indien, auf Ceylon (Sri Lanka) und den Philippinen wild wächst. Obwohl der genaue Ort ihres Ursprungs ungewiss ist, gedeiht die kultivierte Patchoulipflanze (die fast ausschließlich die heutige Handelsware stellt) in fast allen Böden und Klimazonen. Sie ist auf Reunion, den Seychellen (wo man ein besonders feines Öl erzeugt), Madagaskar, in Japan, Brasilien und Paraguay zu Hause. Haupterzeugungsgebiet ist aber der malaiische Archipel geblieben - die alten Südmeere der T'ang-Dynastie -, mit Malaysia, Aceh, der nördlichen Provinz Sumatras sowie West- und Zentraljava.
Der Anbau der Handelsqualität in diesen Gebieten erfolgt generell nach folgendem Schema: Die Setzlinge werden in Baumschulen gezogen. Sobald sie Wurzeln geschlagen haben, pflanzt man sie in einen gut gepflügten Boden in Reihen mit je 90 cm Abstand. Zwischen den Pflänzchen in der Reihe ist ebenfalls ein Abstand von je 90 cm einzuhalten, da Patchouli schnell wächst und das sich entwickelnde Blattwerk viel Platz beansprucht. Der erste Schnitt erfolgt sechs Monate nach der Auspflanzung. Weitere Ernten sind in sechsmonatigem Rhythmus über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren möglich. Der Ertrag an getrockneten Blättern kann zwischen 80 und 3600 kg pro Hektar und Jahr schwanken. Geschnitten werden nur die Spitzen der Pflanze. Als ideal gilt ein Schnitt, der etwa 25 cm des Stiels erfasst. Alle Pflanzenteile enthalten zwar etherisches Öl; jedoch würde ein zu tiefer Schnitt das weitere Wachstum der Pflanze beeinträchtigen.

Der nächste Schritt nach der Ernte ist das Trocknen der Blätter. Zum Vorbeugen gegen Pilzbefall, der das Öl geruchlich verändern würde, muss man sie häufig wenden. Bei den frischgeernteten Blättern fällt auf, dass sie so gut wie gar nicht die charakteristische Patchouli-Note aufweisen. Diese wird erst nach dreitägigem Trocknen wahrnehmbar. Früher wurden die getrockneten Blätter in der Regel nach Europa zur Destillation verschifft; der Erste Weltkrieg blockierte diese Möglichkeit. Man machte daher Destillationsversuche in Sumatra, Java und Singapur City, musste dabei aber eine gewisse Qualitätseinbuße in Kauf nehmen.
Spätere Experimente zeigten, dass die Länge des Schiffstransportes sich positiv auswirkte und die Qualität des Öls nach der Destillation besser war. Heute hat man das Verschiffen der getrockneten Blätter in beschränktem Umfang wieder aufgenommen, und das erzeugte Öl ist von hoher Qualität. Die meisten Produzenten sind aber auf schnellere Rendite angewiesen und destillieren deshalb möglichst bald nach der Ernte. Entscheidend ist, dass das Öl nach der Destillation lange genug lagert, da es sonst eine „grüne" und strenge Note aufweist.

Das Extraktionsverfahren basiert auf (sowohl Hoch- als auch Niederdruck-)Dampfdestillation. Beide Methoden müssen geschickt miteinander kombiniert werden, damit das gesamte Öl aus Blättern und Stielen extrahiert wird. Jede Partie ist, im Verhältnis zu den in jedem Pflanzenteil enthaltenen Mengen, einzeln zu beurteilen. Daher kann die Dauer der Destillation zwischen - sage und schreibe - sechs und 24 Stunden schwanken. Die begehrtesten Fraktionen des Patchouliöls gehen gegen Ende des Prozesses über. Manche Hersteller benutzen noch direkt beheizte Blasen, weil sie sich technisch verbesserte Anlagen nicht leisten können. Wichtig ist, dass das Pflanzenmaterial auf einem Rost über der Oberfläche des kochenden Wassers liegt und nicht in das Wasser gelangt.

Die chemische Analyse der Inhaltsstoffe des Patchouliöls ergibt 35-40 % Patchoulol (Patchouli-Alkohol), Sesquiterpen-Kohlenwasserstoffe und zwei Sesquiterpen-Alkaloide in geringerer Menge. P. Teisseire, P. Maupetit und B. Corbier berichten über die Anwesenheit einer Verbindung, des Norpatchoulenöls, das - obgleich in geringerer Menge vorhanden -für die geruchliche Qualität des Öls ausschlaggebend sein soll. Patchouliöl wird manchmal mit Zedernholz-, Amyris- und Cubebaöl verfälscht.

Patchouliöl wird u. a. auch als Geschmackstoff in Backwaren, Getränken, Hartzuckerwaren, Geleeartikeln und Pudding verwendet. Da Zigarettenraucher dazu neigen, den reduzierten Teergehalt der modernen Zigarette mit einer Geschmacksminderung gleichzusetzen, gewinnt die Aromatisierung von Zigarettentabak ständig an Bedeutung und damit auch der Einsatz von Patchouliöl als Komponente für Tabakaromen.

Die zeitgenössische Forschung ist bestrebt, einige traditionelle Anwendungen von Patchouli in Ostasien wissenschaftlich zu erhärten. Eugenol, Zimtaldehyd und Benzaldehyd, aus Pogostemon heyneanus isoliert, haben nachweislich insektizide Eigenschaften gegenüber Insekten in gelagertem Getreide gezeigt.' „Pogoston" scheint antimikrobielle Wirksamkeit (gegenüber Pilzen und Bakterien) zu besitzen und ist für die bakteriziden Eigenschaften des Patchouliöls verantwortlich."

Das Öl wird in einem patentierten Verfahren zur Mottenbekämpfung eingesetzt. In erster Linie ist es aber der Wohlgeruch der Blätter, der die Welt begeistert.

Ein gut gereiftes Patchouliöl ist braun oder dunkelorange, schwerflüssig und besitzt einen satten, süß-kräuterartigen, würzig-holzigen, balsamischen Geruch. Steffen Arctander bemerkt, dass „eine fast weinartige, etherisch-blumige Süße im Angeruch charakteristisch ist für gute Öle "Patchouliöl selbst ist schon fast ein fertiges Parfum. Für manche jedoch, die an „liebliche" Gerüche gewöhnt sind, ist es zu erdig und zu kräftig, um „schön" zu sein. Patchouliöl wird aber fast jeden überzeugen, der es erprobt, mit seinen Nuancen und seiner Fülle, die es im Verlauf seiner extrem langen Haftdauer abgibt. Es scheint Affinität zur menschlichen Haut zu hben. Ein winziger Tupfer haftet Stunden. Sehr beliebt war Patchouliöl im Zweiten Französischen Kaiserreich, als Napoleon III. mit der Kaiserin Eugenie de Montijo regierte, einer gebürtigen Spanierin.



Aus dragoco report 05/1983
Mit freundlicher Genehmigung

Hat Ihnen der Artikel gefallen?