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Ohne Schnitt keine Blumen

Es ist wahrhaftig eine Prüfung: Immer, wenn sie am schönsten blüht, soll das Prachtstück von Wiese gemäht werden. Doch so paradox es zunächst klingen mag: Wer aus Angst um seine Wildblumen nicht mäht, läuft in Gefahr, sie zu verlieren. Das Mähen schlägt dabei mehrere Fliegen mit einer Klappe.Licht kommt auf die Erde. Das ist wichtig für das Gros der Wildblumen, die als Lichtkeimer im dichten Filz ungeschnittener Wiesen ausbleiben. So aber können sie auskeimen.
Wärme gelangt an den Boden. Das begünstigt an feuchteren Plätzen die Keimung der Wildblumen. An Trockenstandorten werden an heißen Tagen unerwünschte, nicht an die Hitze angepaßte Allerweltsarten nährstoffreicher Standorte systematisch ausgedörrt, und die selteneren Vertreter von magerem Boden bleiben unter sich.
Futter: Wenn Wiesen nicht genutzt werden können, fehlt zumindest in der Landwirtschaft das Interesse an ihrer Erhaltung. Liefern sie aber Grünfutter oder Heu für Ziege und Kuh, sind Blumenwiesen keine Naturschützerpflicht, sondern Bauerninteresse.
Nährstoffe werden entzogen. 'Das ist speziell bei sehr fetten Standorten von Vorteil. Da viele Gräser Närstoff-Fresser sind, werden sie benachteiligt. Umgekehrt profitiert die Mehrzahl der Wildblumen vom Nährstoffentzug: Sie mögen es lieber nicht zu fett. Das bestätigt auch ein Blick in die Natur: Die schönsten Wiesen finden sich auf mageren Böden. Anders ausgedrück: Erst der Mangel treibt Blüten.
Zweitblüte: Das Blütenwunder wird durch den Sommerschnitt zum zweiten Mal war. Gemähte Wiesenpflanzen resignieren nicht. Sie schieben neue Blütentriebe. Schon einen Monat später blüht es erneut. Ungeschnittene oder spät im Herbst geschnittene Wiesenblumen schaffen nur eine Blüte in der Saison. Warum auch, nach der Samenbildung signalisieren die Pflanzenhormone: Die Zeit ist reif zum Absterben.
Tierleben Wenn Sie eine Wildbiene wären, würden sie vehement fürs Mähen plädieren. Der Schnitt verlängert die Blütenzeit und damit das Angebot an Nektar und Pollen. Statt einmal können Blütenbesucher zweimal jährlich ihre Rüssel, Körbchen oder Höschen füllen. Bei zwei Schnitten jährlich bekommen Blattfresser wie Schmetterlingsraupen zwischendurch trotzdem noch genug Zeit für ihre Entwicklung.
Entbuschung: Fast alle Wiesen verbuschen mit der Zeit. Je nach Standort setzen sich als Pioniergehölze Schlehen, Wildrosen, Kiefern, Birken, Erlen oder Weide fest, denen im Laufe der Sukzession andere Baumarten folgen. Die regelmäßige Mahd laßt dem Wald auf der Wiese keine Chance.
Düngung - weniger ist mehr: Würden Sie gern das Doppelte bis Vierfache verdienen, wenn das in Aussicht gestellt wird? Nur ein klein bisschen Dünger müssten Sie streuen, dann erleben Sie das Wirtschaftswunder auf dem Acker? So sind sie geködert worden, die Landwirte, von der Agrochemie. Tatsächlich trat nur die eine Hälfte der Versprechen ein. Der Bauer fuhr seit den 60er Jahren durch Stickstoff-Phosphor-Kalidüngung bis zu viermal soviel Gras oder Heu in den Stall wie zuvor. Am größten waren die Ertragssteigerungen auf mageren Böden, am geringsten fielen sie auf natürlich fetten Wiesen aus. Von dem Kraftschub profitierten die Starkzehrer wie Gräser und Klee, während anspruchslose, schwachwüchsige Wildblumen ins Hintertreffen gerieten. Sie gingen in der Stickstoff-Flut binnen weniger Jahre unter. Vollends vorüber war ihre Zeit, als die heimischen Wiesengräser durch leistungsfähigere Hochzuchtsorten ersetzt wurden, die noch mehr Dünger brauchen konnten.
Nur: Die andere Hälfte der Versprechung war eine Fata morgana. Der in Aussicht gestellte Gewinn kam nie aufs Konto. Bis heute ging die Rechnung nicht auf. Denn die Düngung führte zu Überproduktion, diese zum Preisverfall und der wiederum zum Minus. Die meisten Landwirte verdienten weniger als früher.
Doch gibt es einen Silberstreifen am Horizont. Wer weniger düngt, bekommt Fördergelder. Diese extensive Wiesennutzung ist eine Riesenchance für die Vielfalt der Wiesentypen von früher. Man zahlt heute für Margerite und Bocksbart, für Taubenkropf und Prachtnelke bares Geld.
Also doch: Weniger (Dünger) bringt mehr (Wildblumen).
Pflanzenvielfalt: Mähen erhöht die Artenvielfalt. Dabei kommt es ganz auf den Wiesentyp an, welcher Mährhythmus am günstigsten ist. Dies zeigen etwa die Zehnjahresversuche von Gotthard Wolf vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn. Werden Frischwiesen zweimal im Jahr gemäht, liegt die Artenzahl nach zehn Jahren bei 30, bei einmaliger Mahd aber bei 20. Noch schlechter waren Brachflächen (10 Arten). Ähnlich die Ergebnisse von Feuchtwiesen. Die höchste Artenzahl erzielte die zweischnittige Variante (25), gefolgt von zweimal gemähten und gedüngten Flächen (20) und zweimal gemähten und gemulchten Flächen (14). Bei Trockenwiesen ließ eine einmalige Mahd pro Jahr in zehn jahren die Artenvielfalt von 25 auf 37 steigen, während sie in Mulchflächen im gleichen Zeitraum auf 22 abfiel, bei ungemähten Brachen sogar auf 18 Arten. Ähnliche Tendenzen brachten Langzeitversuche des Instituts für Bodenkunde und Landschaftsbau in Gießen: Nach zehn Jahren wies die zweimal jährlich geschnittene Wiese mit 26 Arten die größte Vielfalt auf, gefolgt von der einschnittigen Variante mit 21 Arten. Am schlechtestens schnitt die gar nicht gemäht Wiese ab: Das Spektrum verringerte sich hier auf 15 Arten.

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