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In den duftenden Gärten Chinas

Edwin T. Morris*

China bemüht sich seit einiger Zeit ernsthaft um die Renovierung seiner alten Gärten, um diese dem Publikum wieder zu öffnen. Viele von ihnen befanden sich überein halbes Jahrhundert in desolatem Zustand. Solche Gärten gibt es in Peking und besonders in den Städten des Yangtze-Deltas, Suöhou, Hangchou, Wuhsi und Nanking. Einen ganzen „Garten-Hof“ aus Suchou hat man in einer Stadt des Westens - im Metropolitan Museum of Art in New York - nachgeschaffen. Dieser Garten-Hof wurde im Juni 1981 zur Besichtigung freigegeben.

Der chinesische Garten wird bislang im Westen nur wenig verstanden und ist doch aus botanischer und ästhetischer Sicht von großem Interesse. Allen Duftschaffenden kann er eine unerschöpfliche Fülle von Anregungen geben. Japanische Gärten sind im Westen besser bekannt. Der Blütenreichtum und die interessante Form des chinesischen Gartens sind jedoch eine genauere Betrachtung wert.

Der chinesische Garten entwickelte sich als eine Kunstform in der Schicht der Gebildeten. Die gelehrten Staatsdiener waren durchdrungen von der Philosophie des Konfuzius und des Laotzu. Nach der konfuzianischen Morallehre sollte ein sittenstrenger Mann der Gesellschaft und seiner Sippe dienen. So wurden die chinesischen Gärten zu einem Attribut der Wohnung staatlicher Würdenträger und waren häufig in volkreichen Städten zu finden, wo diese Beamten Aufgaben im Dienste des Staates wahrnahmen. Die Morallehre fand ein Gegengewicht in der taoistischen Philosophie des Lao-tzu und seines Schülers Chuang-tzu. Für sie war die Natur die Quelle ungehemmter Kraft und moralischer Reinheit. Der Himmel über uns (T´ien) wurde mit dem Vater eines Menschen und die Erde (Ti) mit der ihn tragenden Mutter verglichen. Der Mensch war das Kind aus der Verbindung dieser Zwillingskräfte. Zuweilen wurden diese Kräfte auch als Yin und Yang bezeichnet. Alles Handeln des Menschen war von dem Großen Tao durchdrungen, dem Wirken der Natur.

Das Große Tao fließt überall.
Es mag nach links oder rechts strömen.
Für alle-Dinge ist es lebensnotwendig,
und es wendet sich nicht von ihnen ab.
Es erfüllt seine Aufgabe und verlangt dafür keinen Lohn.
Es kleidet und nähret alle Dinge und beansprucht
keine Herrschaft über sie.
Wir betrachten es. Es ist unwahrnehmbar.
Wir belauschen es. Es ist unhörbar.
Wir gebrauchen es. Es ist unerschöpflich.

(Herausgeber: Chan, W. T., Ein Quellenbuch chinesischer Philosophie, Princeton 1963, S.157)

Das Heil der Seele gewann man durch Versenken in dieses Tao der Natur, die körperliche Gesundheit durch das Verzehren der Kräuter, die der Erde entsprießen und durch den Tau des Himmels getränkt werden.

So wie das offizielle Leben den chinesischen Gelehrten für sich beanspruchte, so galt die Notwendigkeit der Naturnähe als in gleichem Maße zwingend. Deshalb waren die chinesischen Gärten ein Bestandteil der Wohnung, die Quintessenz der Natur auf einer kleinen Fläche zusammengerückt. Haus und Garten gingen ineinander über. Man konnte sich leicht aus seiner Studierstube auf einen stillen Fleck mit blühenden Blumen zurückziehen und meditieren oder ungestört am Ufer eines Miniaturteiches entlangwandeln.

So wie ein bonsai die Miniaturausgabe eines Baumes in seiner natürlichen Form und Gestalt ist, so enthielten diese Gärten die Elemente der Landschaft: Berge, Wasser, Pflanzen. Der Eindruck der gigantischen Bergketten, die China von Norden nach Süden und in entgegengesetzter Richtung durchziehen, wurde durch die bedeutungsvolle Anordnung von Felsblöcken erzielt. Große Steine mit interessanten, aber naturgetreuen Formen wurden als Blickfang im Garten verteilt. Sie dienten dazu, dem Ganzen einen dreidimensionalen Aspekt hinzuzufügen, ähnlich der Wirkung, die man mit Statuen in einem europäischen Garten erzielen will. Für den Chinesen stellten sie aber schlechthin die Berge dar. Die besten Exemplare wurden aus dem T´ai-See bei Suchou gewonnen, die wegen ihrer interessanten, durch die Wellenbewegung entstandenen Strukturen hochgeschätzt waren.

Durch die Felsengruppe entstand ein Eindruck von Solidität und Masse. Das zusätzliche Einbinden von Wasser gab dem räumlichen Gefüge einen dynamischen Aspekt: Das Sonnenlicht konnte sich darin brechen und es zum Flimmern und Blitzen bringen, und auch der Karpfen, den die Chinesen so gern beobachten, fand nun seinen Platz. Wohlhabendere Mandarine ließen mit viel Geschick Wasserläufe in die Gärten leiten und zu großen Teichen werden. Besonders reizvolle große Seen haben die Palastgärten von Peking; aber auch der bescheidenste Gelehrte wollte in seinem Garten etwas Wasser haben, wenn auch nur durch Aufstellen einer Porzellanschale am Eingang mit ein paar Lotosblumen und einem Goldkarpfen, der zwischen den Pflanzenstielen hin- und herzuckte.

Lao-tzu hatte bemerkt:

Der beste Mann gleicht dem Wasser. Das Wasser ist gut, tut allen Dingen gut und misst sich nicht mit ihnen. Es liegt an der Straße zum Himmel.

(Konfuzius sah im Wasser das Symbol eines rechtschaffenen Mannes. Am Ufer eines Stromes stehend, hatte er einst ausgerufen:

Wie es fließt und fließt, bei Tag oder bei Nacht!

Die Fische in den Teichen waren symbolisch für das Glück eines Menschen, dessen Leben dem großen Strom des Tao anvertraut war.
Welche Pflanze wählte man nun für diesen Gartenplatz? Wir wollen sie nachstehend besprechen und dabei auf den Symbolgehalt eingehen, der der einzelnen Pflanze zugeordnet wurde. Mögen auch die Namen der Pflanzen für den Leser teilweise neu und ungewohnt sein; ihre Formen sind wohl von chinesischen Malereien her bekannt. Sehr wenige Bewohner des Westens haben jemals einen chinesischen Garten betreten; aber wenige gibt es wohl auch, die nicht ein chinesisches Landschaftsbild oder Stilleben mit Blumen und Früchten bewundert haben. Die Bäume an den Berghängen sind die gleichen, die man für die Miniaturlandschaften des Gartens wählte.

Die verschiedenen Kiefernarten der Wälder waren in einem chinesischen Garten immer zu finden.Zu den gängigen Spezies der gemäßigten Breiten Chinas gehören Pinus sinensis (P. tabulaeformis), P. massoniana, P. henryi und P. armandi. Die immergrüne, zu jeder Zeit des Jahres frische und duftende Kiefer war symbolisch für den sittenstrengen Mann, der selbst unter dem Druck tyrannischer Kaiser unbeugsam blieb.

Kiefernbäume sind wie Menschen mit hohen Prinzipien, deren Handeln von innerer Stärke zeugt. Sie ähneln jungen Drachen, die in tiefen Schluchten zusammengerollt schlummern; sie wirken zutrauenerweckend und friedlich und doch wagen wir nur zitternd uns ihnen zu nähern, aus Angst vor der verborgenen Kraft, die sich jederzeit entladen kann.

(The Tao of Painting, eine Studie zur rituellen Gliederung der chinesischen Malerei. Übersetzung des Chie Tzu Yüan Hua Chuan, 1679-1701, von Mai-Mai Sze)

Für den Gartenbau war die Kiefer ein wertvoller Baum, da sie dem Garten, selbst in der kalten Jahreszeit, Fülle und Grün brachte. Neben Bambus und Chrysanthemen war sie den Chinesen als einer der „drei Freunde des Winters“ bekannt.

Bambusstauden pflanzte man vor den hohen Gartenmauern an, die den Lärm der Stadt fernhalten sollten. Beim Bau dieser Mauern war man nicht nur von der nützlichen Seite ausgegangen, sondern betrachtete sie auch als malerischen Hintergrund für das Bambusblattwerk, ähnlich der Leinwand eines Gemäldes. Die Bambusarten, die man hierfür wählte, gehörten im allgemeinen der Gattung Phyllostachys oderArundinaria an. Die Pflanzen wurden zu jeder Jahreszeit bewundert
und gemalt-träge und ohne Bewegung bei ruhigem Wetter, von Wind und Regen geschüttelt oder gebeugt unter der Last des Schnees.

Die Chrysantheme (Chrysanthemum hortorum) war ursprünglich eine nur in China heimische Pflanze. Durch intensive Kultivierung sind jedoch Tausende von Varietäten entstanden. Schon im 12. Jahrhundert beobachtete Fan Ch'eng-ta, ein Dichter der Landschaftsszenerie, in seinem Dorf „See der Steine“ in der Nähe von Suchou 36 Formen dieser Art. Die Chrysantheme war das Symbol der Einsiedler. Sie blühte im frostigen Herbst, wenn die aufregende Pracht der Frühlingsblumen fehlte. Der markante Geruch der Blüten sollte ein langes Leben verleihen, und von den Blütenblättern wurde sowohl Tee als auch Wein gebraut.

Der „Baum des Südens" (Nan mu) (Machilus nanmu) wurde wegen seines kerzengeraden Stammes und seiner ausladenden Krone viel bewundert. Mit seinem immergrünen Nadelwerk schmückte er sowohl Haus- als auch Tempelgärten. Auch sein Holz mit dem feinen zedernartigen Geruch wurde und wird geschätzt. Säulengänge und Pavillons in Gärten baute man häufig aus diesem Material, wegen des ausstrahlenden Duftes des Nan-mu-Holzes, der besonders im Sommer wahrnehmbar ist. Die Pfeiler der Wandelgänge des im Metropolitan Museum of Art (New York) aufgebauten Gartens sind aus diesem kostbaren Holz. Die Querverbindungen bestehen aus dem ebenfalls duftenden Holz des Kampferbaumes (Cinnamomum camphora).

Mehrere blühende Arten der Familie der Rosengewächse nehmen in Gärten und auf künstlerischen Darstellungen einen vorrangigen Platz ein. Der Quittenbaum (Mu-kua) (Chaenomeles sinensis) wird wegen seiner Blüten, die er im Frühling trägt, und nicht zuletzt auch wegen seiner Früchte geschätzt, die im allgemeinen eingefettet und dort hingelegt werden, wo sie ihren Duft zur Freude des Besuchers entfalten können.

Der Pfirsichbaum hat seinen Ursprung in China. Schon früh gelangte er jedoch über die Seidenstraße, die China mit Persien verband, in den Westen; daher sein Name Prunus persica. Der Pfirsich war Sinnbild für Unsterblichkeit. Frische Pfirsichzweige wurden am Ausgang des Winters geschnitten und in die Wohnung genommen. In wenigen Tagen entfalteten sich die Knospen, die bereits im Herbst voll ausgebildet worden waren, zu einem Meer frischer Blüten.

Die Pfirsichzweige wurden rechtzeitig in der Wohnung vorgetrieben, damit sie zum Neujahrsfest (Ende Januar/Anfang Februar) Blüten trugen. Sie signalisierten symbolhaft die Erneuerung des Lebens.

Ein anderer Baum der gleichen Gattung ist der Mei hua(Prunus mume). Häufig wird er auch als „blühende Pflaume" bezeichnet, gehört botanisch aber zu den Aprikosen. Die duftenden Blüten sind weiß oder rosa gefärbt, und der Baum kann viele hundert Jahre alt werden. Chinesische Dichter schildern immer wieder, welch berauschendes Gefühl es ist, den Duft des Mei hua in der noch eisigen Luft des nahenden Frühlings zum ersten Mal wahrzunehmen. Ein Dichter der Sung-Dynastie, Lin-Ho-ching (967-1028), lebte in selbst gewählter Abgeschiedenheit auf einer Insel des herrlichen Westlichen Sees von Hangchou, auf die sich noch heute geplagte Regierungsbeamte mit Vorliebe zurückziehen. Hier pflanzte er den Mei hua und lebte mit zwei Störchen. Der Mei hua, so erzählte er seinen Kritikern, war seine Frau, und die Störche bildeten seine Familie. Bis auf den heutigen Tag ist Lin's Grab auf jener Insel ein Pilgerziel für romantische Seelen im Frühling. Prunus mume wird oft als bonsai-Bäumchen auf Zwergenwuchs getrimmt. Diese Kunst stammt ursprünglich aus China, wurde im Westen aber zuerst durch die Japaner bekannt. In seinem flachen Wasserbehälter kam er früh zum Blühen und brachte den Duft des Frühlings in die noch winterkalte Studierstube. Diese blühenden Arten der Rosen-Familie wurden immer wieder gemalt. Die dunklen, ineinander verflochtenen Zweige bilden einen lebhaften Kontrast zu den zarten Blütendolden. Berühmt waren die Pflaumenblüten-Bilder von Wang Mien (1335-1407).

Auch die chinesische Orchidee war für Maler und als Gartenzierde ein beliebtes Objekt. Cymbidium ensifolium (Lan hua) war wegen ihrer langen, riemenartigen Blätter unter dem Namen „Gras-Orchidee" bekannt. Als höchste Kunst galt es, den eleganten Schwung ihrer Blätter in einem einzigen Pinselstrich einzufangen. Die Schönheit der Blütenform und die Zartheit ihres Duftes brachten der Lan hua den Titel einer „Königin der Blumen" ein.

Magnolien, die man „Jade-Orchideen“ (Yü lan, Magnolia denudata, M. yulan) nannte, wurden seit der Epoche der T'ang-Dynastie (618-906) gezogen. Ihre Blüten waren jade-hell; eine andere Art (M. liliiflora) hatte Blütenblätter, deren Außenseite ein tiefes Purpurrot zeigte.

Sie war unter dem Namen Mu lan, die „holzige Orchidee“, bekannt. Beide Arten haben eine auffallende, silbrig schimmernde Rinde, und die chinesische Medizin nutzt sie zur Herstellung eines stärkenden Heilmittels.

Die Lotosblume(Nelumbo nucifera, Lien hua) war symbolisch für die Reinheit, denn kein Wassertröpfchen hält sich auf ihren Blättern. Es perlt wie Quecksilber ab und rollt hinunter. Sie steigt mit ihrer herrlichen Blüte aus dem Schlamm auf, und bei ihrem Anblick denkt man unwillkürlich an den Philosophen Chou-Tun-i (1017-1073) und seine Worte:

Ich liebte die Lotosblume, die aus dem glänzenden Schlamm herauswächst und doch nicht besudelt ist. Sie besitzt weder Zweige noch verschlungenes Blattwerk, und ihr Duft strömt von weither. Wie rein ist jener Duft! Er ist erhaben und unverfälscht. Die Chrysantheme ist der Eremit unter den Pflanzen, und die Pfingstrose eine Blume, die Reichtum und Macht bedeutet. Der Lotos aber ist eine Blume von edlem Charakter. Ach, wo ist der Liebhaber der Chrysantheme? Wer liebt den Lotos so wie ich? Die meisten Menschen lieben nur die Pfingstrose.

(Chang, C., Die Entwicklung des neu-konfuzianischen Gedankens)

Generationen chinesischer Kinder haben diesen Vers auswendig gelernt. Die Lotosblume ist deshalb unlösbar mit der Erinnerung an diesen gelehrten Mann verknüpft, der wegen seiner Freude am einfachen Leben, seiner Großmut und seinem Verzicht auf Ehrungen und Geschenke bekannt war.

Jeder Teil dieser nützlichen Pflanze konnte verwendet werden. Die Wurzelknollen enthielten essbare Stärke; die nussähnlichen Samen wurden gegessen, und aus den Blättern gewann man nicht nur Arznei, sondern umwickelte damit auch Nahrungsmittel, damit sie beim Dämpfen einen köstlichen Duft verströmten.

Wenn man entsprechende Vorkehrungen trifft, kann der Lotos sogar bis hinauf ach Peking gedeihen. Die Teiche des kaiserlichen Palastes sind im August über und über mit den riesigen blaugrünen Blättern bedeckt. In der berühmten Novelle „Der Traum des Roten Zimmers" wird erzählt, dass die Chia-Familie die Lotosblumen aus ihrem Garten in Peking verkauft und damit ihr Wohlstand zu schwinden beginnt. Im 18. Jahrhundert lebten der Künstler Shen Fu und seine Frau. Sie pflegten kurz vor Sonnenuntergang Teebeutel auf die Lotosblüten zu legen, bevor sich diese schlossen. Am folgenden Morgen nahmen sie die Beutel heraus, die nun mit dem Duft des Lotos durchtränkt waren.

Die Narzisse (Narcissus tazetta) war in China als „Geist der Wasser“ (Shuei hsien) bekannt. Gleich dem Pfirsich galt sie als Vorbote des neuen Jahres. Die Knollen wurden daheim in hübschen, mit Kieselsteinen besetzten Töpfen gezogen, bis sie Blätter und Blüten trieben. Die Narzisse ist eine der wenigen Pflanzen, die schon früh aus Westasien eingeführt und in China heimisch gemacht wurden. In dem Großen Kräuterbuch (Pen ts´au kang mu) des Li Shih-chen (1579) wird die Pflanze als Nai-chi beschrieben, vermutlich eine phonetische Angleichung an das persische Nargis.

Die Pfingstrose (Paeonia suffruticosa) war die „Blume von Rang und Wohlstand" (Fu kuei hua), „von königlicher Farbe und himmlischem Duft" (Kuo se t´ien hsiang). Viele Varietäten wurden gezogen, und zu verschiedenen Zeiten der chinesischen Geschichte erinnerte die Begeisterung für diese Blumen an den Tulpen-Fanatismus in Holland. Blütenfülle und schwelgerische Farben der Pfingstrosen waren ein sicheres Zeichen für den Beginn des Sommers.
Die Kamelien (Camellia japonica, C. sasanqua und C. reticulata) heißen in China Ch´a hua, „Teeblumen“; in der Tat gehört der Teestrauch zum Formenkreis der Kamelien (C. sinensis). Diese Kamelienart ist nicht nur die bekannteste aller Pflanzen, die im chinesischen Kulturkreis zu Zierzwecken angebaut werden, sondern gleichzeitig auch Lieferant der Blätter, die zur Zubereitung eines stärkenden Getränks genutzt werden.

Obgleich die Zierkamelien der Gärten auffallend geruchsarm sind, wird das Bouquet der verschiedenen Teearten in China hochgeschätzt. Aus den Früchten einer Kamelienform (C. oleifera) wird ein Öl für kosmetische Verwendung gewonnen.

Der Pflanzenforscher Ernest Wilson nannte China die „Mutter der Gärten". Viele Gartenpflanzen, die in nordamerikanischen oder europäischen Gärten verhältnismäßig wenig bekannt sind, wurden nur ihres Duftes wegen gepflanzt. Michelia figo trägt eine kleine Blüte, die, man staune, den Duft einer frischen, reifen Banane verströmt. Wegen dieser Überraschung wird sie die „Blume des Lächelns" (Han hsiao hua) genannt.

Michelia champaca mit ihrem intensiv süßen Duft gehört in die gleiche Pflanzengruppe. Man nennt sie in China die „weiße Orchideenblume" (Pai lan hua). Häufig windet man aus diesen Blüten Haarschmuck für die Damenwelt. Beide Michelia-Arten gehören zur Familie der Magnolien.

Eine vorwitzige Blume, die den Frühling kaum erwarten kann, ist Daphne odora. Sie ist am Mount Lu heimisch, der berühmten Erhebung über dem Yangtze-Delta, einem der heiligen Berge Chinas. In dem Großen Kräuterbuch des Li Shih-chen wird berichtet, daß ein Mönch des Tempels, der sich an jenem Berg befand, in Schlaf versank und im Traum einen herrlichen Duft empfand. Beim Erwachen suchte er nach der Duftquelle und fand sie in der Daphne odora, die er fortan die „Duftpflanze des Schlafes`` nannte (Shuei hsiang). Heute ist Mount Lu der Teil des botanischen Gartens Chinas, der den alpinen Pflanzen gewidmet ist.

Viburnum-Arten aus der Geißblatt-Familie sind weitere Gartenpflanzen mit schwerem, süßem Duft. Zu ihnen gehören die Spezies Viburnum macrocephalum, V. fragrans und, in Südchina, V. odoratissimum.

Gardenia jasmonoides (radicans) wird als Gartenpflanze, aber auch zur Parfümierung von Tee und Kosmetika verwendet. Chloranthus spicatus, die „Perlenorchidee" (Chu lan), setzt man ebenfalls zur Parfümierung von Teeblättern ein. Ihre Blüten werden aber vor dem Aufbrühen entfernt, da sie als schädlich gelten.

Beim Jasmin werden beide Arten gezüchtet, Jasminum officinale und Jasminum sambac. Jasmingärten säumten einst meilenweit den Perlenfluss in der Provinz Kanton. Man erntete den Jasmin zur Aromatisierung von Tee und um daraus Haarschmuck für die Damenwelt anzufertigen. Ein Kanton-Reisender von 1777 schilderte seine Verwendung so:

Nachdem man die duftenden Knospen ins Haar gesteckt hat, beginnen sie sich zu öffnen. Herrlicher leuchten die Blüten unter dem Einfluss des Mondlichtes. Durch die Körperwärme entfaltet sich ihr Duft noch intensiver und hält die ganze Nacht an, bis zur Morgendämmerung.

(Li, Hui-Iin, The Garden Flowers of China, New York 1959)

Nach der chinesischen Aromatherapie reinigte der Jasminduft die Lungen und machte die erdrückende Hitze erträglicher. Deshalb stellte man Gefäße mit Jasmin häufig rund um die Betten herum auf. Auf der Höhe der Jasmin-Saison war Kanton „wie Schnee in der Nacht und überall von Duft durchweht.“

Eine andere Blume, die man oft genug in chinesischen Gärten antrifft, die aber woanders kaum vorkommt, ist Chimonanthuspraecox, bekannt unter dem Namen die „wachsgleiche Mei hua“ (La Mei). Alle Formen haben einen süßlichen Duft. Die mit dem stärksten Parfum und dem dichtesten Blütenkleid ausgestattete Art ist jedoch die T´an hsiang Chimonanthus. Der chinesische Name spielt auf ihren ausgeprägten Sandelholzduft an.

Im Herbst blüht in der gemäßigten Klimazone Chinas der Osmanthus (Kuei hua) (Osmanthus fragrans). Im Süden des Landes stehen die in ihrem Duft etwas an Ylang-Ylang erinnernden Pflanzen das ganze Jahr über in Blüte. Die Scheibenblüten sind zwar klein, geben aber ein starkes Parfum ab. Der Name der im Süden Chinas gelegenen Stadt Kweilin bedeutet „ein Hain von Osmanthus“. Heutzutage wird in dieser Stadt ein Concrete aus dieser Pflanze hergestellt, das im Westen wenig bekannt ist. Ein Konkret ist jetzt auch von Michelia champaca aus China lieferbar, ebenso ein Öl von Chloranthus spicatus neben dem bekannten Jasmin-Konkret (Chinese Native Produce, Peking 1980).

Pflanzen, Wasser und Gestein sind die Elemente des chinesischen Gartens. Um sie ins rechte Licht zu setzen, wurde eine Vielfalt von architektonischen Konstruktionen ersonnen. Das Mondgitter war eine reizvolle Aufforderung zum Betreten des Gartens. Pavillons mit nach oben gebogenen Dachrinnen boten Platz zu Meditation oder zur Einnahme eines Mahles al fresco. Lange Säulengänge säumten die Ufer der Seen, und offene Veranden (Hsieh) luden zum Sitzen und Verweilen ein. Der T'ang, ein offizieller Empfangsraum, und Studios mit offenen Fenstern zum Schreiben oder Malen waren vom Garten aus zu betreten. Diese Bauelemente wurden mit großer Sorgfalt ausgewählt, Mauern z. B. so gestaltet, dass sie angrenzende Straßen der Stadt verdeckten, aber den Blick auf eine entfernte Pagode oder eine Bergkette ungehindert freigaben. Die Chinesen bezeichneten dies als „Borgen einer Landschaft“. Teile des Gartens wurden abgegrenzt, um die Aufmerksamkeit des Besuchers auf einen besonders attraktiven Blickfang zu lenken - einen Kiefernhain, einen Lotos-Teich, eine Gruppe blühender Mei hua. Jedes Segment oder jede „Parzelle“ des Gartens erhielt einen passenden Namen, der oft aus Dichtkunst oder Philosophie „entlehnt“ war, um der Szenerie einen intensiveren ästhetischen Akzent zu verleihen, z. B. „Die Pforte zu den Mysterien“, „Terrasse zum Bestaunen der Berge“, „Pavillon zum freundlichen Empfang der Düfte“, „Kiosk zum Benetzen der Blumen“, „Die Halle des duftenden Taus', „Der Pavillon der Lotos-Brisen“.

Der chinesische Garten ist eine anspruchsvolle Synthese von Kunst und Natur. Alle Elemente sind mit Sorgfalt gewählt, damit dem Beschauer soviel wie möglich von den verschwenderischen Gaben der Natur auf engstem Raum zuteil wird. Gesicht, Gehör, Geruchssinn kommen auf ihre Kosten, und der Phantasie wird Raum gegeben. Pere Attiret, ein von Kaiser Ch´ien Lung (18. Jahrhundert) festgehaltener französischer Jesuitenpater, bemerkte:

Alles ist mit viel Geschmack und so fein gestaltet, dass die ganze Schönheit nicht mit einem einzigen Blick gewürdigt werden kann. Man muss sie Schritt für Schritt studieren.

(Danby, Hope, The Garden of Perfect Brightness, London 1950)

Die Rolle, die der Garten im Leben des Chinesen spielt, wird von Ssu-ma Kuang in seinem Essay Tu Lo Yüan, „Ein Garten zur einsamen Freude“, mit diesen schönen Worten beschrieben:

Ich verbringe viel Zeit in der Bibliothekshalle, wo die großen Meister meine Lehrer und die Weisen meine Gefährten sind ... Wenn ich der Studien müde bin, nehme ich meine Angelrute und gehe fischen oder sammle Heilkräuter in meinem langen Kleid oder grabe Wasserkanäle zum Tränken der Blumen oder nehme die Axt, den Bambus zu stutzen. Ich wasche die Hitze von meinem Körper, spüle die Hände und erklimme eine Höhe, von der man einen weiten Blick genießt. Ab und zu tritt der Mond hervor, leuchtend klar, und der Wind fächelt mir Kühle zu. Niemand kann mich daran hindern, umherzustreifen oder zu ruhen. Meine Ohren und Augen, meine Lungen und meine inneren Organe gehören ganz allein mir, und ich höre nur auf die Stimme in mir. Zwischen Himmel und Erde gibt es keine größere Freude für mich: deshalb nenne ich meinen Garten Tu Lo Yüan, den „Garten zu meiner eigenen Freude“.

Wenn jemand ihn darauf hinwies, dass ein Herr und Anhänger des Konfuzius andere Menschen nicht egoistisch von seinen Freuden ausschließen sollte, antwortete er:

Ich bin ein alter Narr. Wie könnte ich mit einem Herrn verglichen werden? Meine Freuden bestehen nicht in materiellen Gütern. Wie könnten sie mit anderen geteilt werden? Sie sind bescheidener und schlichter Art... wenn da aber jemand ist, der diese Freuden wirklich mit mir teilen möchte, dann empfange ich ihn ehrerbietig mit erhobenen Händen und horte nicht alles für mich.

(Siren, Osvald, Gardens of China, New York 1949, 5.78)

Wir sind glücklich, dass das heutige China bereit ist, seine Gärten mit dem Rest der Welt zu teilen. Immer mehr Besuchern aus dem Westen wird Gelegenheit gegeben, sie zu sehen, die Vielfalt der Pflanzenwelt und das besonders innige Verhältnis der Chinesen zur Natur zu erleben -Dinge, die man bisher beim Anblick chinesischer Kunstwerke nur ahnen konnte.



* E. T. Morris, Wolf's Lane, Pelham, N. Y., U.S.A.


Aus dragoco report 11/12-1981
Mit freundlicher Genehmigung

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