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Im schwülen Duft der Linde

Theodor Mildner

In dem Duft der vollerblühten Linde ist bei genauerer Betrachtung ein Geheimnis zu erkennen. Die Tilia cordata und ihre Schwester, die Tilia parvifolia, sind keineswegs nur bei bestimmten Völkern zu finden. Schon im klassischen Altertum waren sie bekannt, und ihre deutsche Bezeichnung lässt sich von ,lint' = Bast ableiten, weil aus ihrem langfaserigen Holz, das zudem sehr weich, sehr ,lind` ist, haltbare Baststränge hergestellt wurden. Der medizinische Wert der Blätter ist ohne besondere Bedeutung, wenngleich der Ruf des vornehmlich aus den Blüten hergestellten Tees, neben demjenigen von Flieder- (Hollunder-) Blütentee, in der Volksheilkunde als schweißtreibendes Mittel fortbesteht.

Wesentlicher ist der süßlich-schwüle Duft, der von den vollerblühten Bäumen ausstrahlt. Es war sicherlich kein Zufall, wenn sich in vergangenen Zeiten Burschen und Mädchen an warmen Sommertagen gern unter der Dorflinde zusammenfanden, zum Tanzen, zum Singen und „Siche-näher-Kennenlernen", denn das Kennenlernen war in den engen Dorfgemeinschaften wohl kaum notwendig. Bei den Germanen waren die Linden der Göttin Hulda geweiht, der „Frau Holle" der deutschen Märchen. Sie galt als die Anführerin des „wilden Heeres" - im übertragenen Sinn als die Förderin der wilden Begierden.

Es mag zunächst schwerfallen, jene „Wilde" mit dem zartsüßen und zugleich betörenden Duft der Lindenblüten in Verbindung zu bringen. Und doch besteht ein unleugbarer Zusammenhang.. Denn gerade die Duftkomponenten, die dem Lindenduft gleichzustellen sind, auch wenn sie noch nicht alle endgültig geklärt sind, bringen die Voraussetzungen für eine erogene Wirkung mit. Der Philosoph und Arzt Theophrastos von Eresos (373-287 v. Chr.) kannte die Linde (und fraglos auch deren Duft), und der Arzt-Botaniker Hieronymus Bock (1498-1554 n. Chr.), der in seinem „Kreutterbuch" (Straßburg 1587) sich jenes Griechen erinnert, schreibt u. a.: „... ich halt / das Linden bluet den Bynen nicht zum besten seyn / wiwol sie heftig darnach stellen." Entgegen dieser Behauptung wird aber gerade der „Linden-Honig" sehr geschätzt.

Unabhängig davon sind die Blüten in ihren eigenartigen Ständen - jeweils bis zu 15 zusammen und mit kleinen, schiefherzförmigen, am Rande gesägten, zugespitzten, unterseits blaugrünen Blättern, besonders bei der Winterlinde Tilia parvifolia - von besonderem Interesse. Unter den medizinisch verwertbaren Wirkstoffen, die in den Blüten nachgewiesen wurden, ist keiner, der der Droge einen ungewöhnlichen Wert geben könnte. Eventuell wäre das Vitamin C zu erwähnen, das aber auch nur in geringer Menge vorhanden ist.



Aus dragoco report 07/1974
Mit freundlicher Genehmigung

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