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Die ätherischen Öle Australiens

J. L. Willis

Wenn man bedenkt, dass Australiens heimische Flora reich an Pflanzen ist, die ätherische Öle enthalten, erscheint es sehr merkwürdig, dass dieses Land auch heute noch den größten Teil seines Bedarfs an ätherischen Ölen importiert. Diese Tatsache liegt vor allem darin begründet, dass die Methoden zur Gewinnung der ätherischen Öle trotz beachtlicher Anstrengungen seitens der Wissenschaft und Forschung immer noch sehr primitiv sind. Wahrscheinlich ist dieser Industriezweig Australiens der einzige, in dem noch in der gleichen Weise gearbeitet wird wie vor über 100 Jahren.
Einige Zahlen mögen diese Lage der Dinge am besten aufzeigen. Im Jahre 1966 wurden etwa 72.000 kg ätherisches Öl aus Eucalyptus dives aus dem östlichen Transvaal importiert, obwohl Australien weit mehr als genug Eucalyptus-dives-Bäume besitzt, um diese Menge Öl zu destillieren. Die hohen Herstellungskosten lassen das einheimische Öl jedoch zu teuer und damit konkurrenzunfähig gegenüber dem südafrikanischen Öl werden. Im gleichen Jahr wurden weiterhin aus China etwa 34.000 kg sog. „Eucalyptusöl" eingeführt. Der Summe von etwa 106.000 kg allein dieser beiden Importe steht ein Gesamtexport von etwa 124.000 kg australischer Eucalyptusöle sämtlicher Sorten gegenüber.

Die geschilderten Fakten zeigen deutlich, dass in Australien noch große Entwicklungsmöglichkeiten auf dem Gebiet der Ausnutzung des natürlichen Reichtums an ätherischen Ölen bestehen.
Die ätherischen Öle Australiens können hinsichtlich ihres Verwendungszweckes in drei Gruppen eingeteilt werden, nämlich Öle für medizinischen Gebrauch, für industrielle Zwecke und für die Parfümerie. Botanisch gesehen stammt die Hauptmenge aller dieser ätherischen Öle von Pflanzen der Gattungen Eucalyptus und Melaleuca. Öle aus Pflanzen anderer Gattungen wie z. B. Sandelholzöl oder Boroniablütenöl stellen nur einen kleinen, wenn auch wichtigen Anteil dar.
Die Gattung Eucalyptus umfasst etwa 400 Arten, jedoch haben nur weniger als 20 davon wirtschaftliche Bedeutung und nur 8 oder 9 werden momentan zur Gewinnung der ätherischen Öle destilliert. Der Beginn der kommerziellen Destillation von Eucalyptusölen liegt mehr als 100 Jahre zurück.

Ätherische Öle für medizinische Zwecke

Die sogenannten medizinischen Eucalyptusöle werden vor allem aus den folgenden Eucalyptus-Arten destilliert:

1) Die Zahl der wirklichen Arten dieser typisch australischen Pflanzengattung ist kleiner. Eine allgemein gültige und anerkannte Zusammenstellung der Gattung ist bis heute noch nicht abgeschlossen, da eine Unmenge von Unterarten, Varietäten, sowie physiologischen oder chemischen Rassen existieren und die Systematik weiterhin durch eine große Zahl von Synonyma und eine harte Konkurrenz der Botaniker hinsichtlich der Zuordnungen und Bezeichnungen erschwert wird.

2) Die einheimische Benennung der Eucalypten erfolgt zunächst einmal nach ihrer Wuchsform. Dabei wird zwischen den sog. „mallees" - Sträuchern verschiedener Größe bis hinunter zu Zwergformen - und „trees" - eigentlichen Bäumen mit nur einem Stamm - unterschieden. Die Bäume wiederum werden aufgrund ihrer Rindenstruktur in die folgenden Hauptgruppen unterteilt: bloodwoods, gums, boxes, peppermints, stringybarks und ironbarks. Farbe, Form und Geruch der Blätter oder andere spezielle Eigenschaften werden zur weiteren Differenzierung dieser Bezeichnungen für die verschiedenen Eucalypten herangezogen.
Obwohl diese Nomenklatur unwissenschaftlich und ungenau ist, häufig den gleichen Namen für mehrere, botanisch völlig verschiedene Arten verwendet und eine ganze Rehe von Zwischentypen nicht klar erfassen kann, ist sie dennoch für die Umgangssprache und auch für die Forstwirtschaft recht gut brauchbar.

Die medizinische Wirksamkeit dieser Eucalyptusöle wird ihrem Gehalt an Cineol zugeschrieben. Er beträgt in den ätherischen Ölen der oben genannten Arten 70 % und mehr oder kann durch fraktionierte Destillation auf diesen Prozentsatz gebracht werden.
Für medizinische Zwecke wird weiterhin noch das ätherische Öl von Melaleuca alternifolia verwendet, das im Handel häufig als „tea tree oil" bezeichnet wird. Es wird an der Nordküste von New South Wales gewonnen.
Im Gegensatz zu den für medizinische Zwecke verwendeten Eucalyptusölen darf dieses Melaleuca-Öl laut Standard nur einengeringen Anteil Cineol enthalten, und zwar weniger als 15 %, muss dagegen einen hohen Gehalt an Terpineol-4 aufweisen Es hat um dieses ÖI große Streitigkeiten gegeben. Während ihm von einer Seite eine starke bakterizide Wirksamkeit bescheinigt wurde, hielt die Gegenseite diese Aussage für stark übertrieben. Arbeiten in Amerika, die während etwa der letzten 10 Jahre durchgeführt wurden, haben jedoch die Wirksamkeit dieses Öles bei einigen hartnäckigen, durch Staphylokokken verursachten Infektionen, die gegenüber Antibiotika resistent waren, überzeugend gezeigt. In medizinischen Zeitschriften erschienen verschiedene Artikel, in denen über gute Erfolge bei der Behandlung von Furunkulose usw. mit dem

genannten Melaleuca-Öl berichtet wurde. Das Öl wird dabei entweder in reiner Form auf die Haut aufgebracht oder als Emulsion, gewöhnlich als 40%ige Dispersion in einer etwa 13 % Isopropylalkohol enthaltenden Rizinusölseife. Das Öl hat die Eigenschaft, sehr tief in das infizierte Gewebe einzudringen und zeigt dabei eine nur sehr geringe Toxidität.
Das Melaleuca-Öl ist sehr knapp, nur etwa 4 bis 6 t werden pro Jahr hergestellt.

Ätherische Öle für industrielle Zwecke

Die als Rohstoffe für die Industrie verwendeten ätherischen Öle Australiens sind hauptsächlich wieder solche aus verschiedenen Eucalyptusarten. Vor allem ist hier das Öl von Eucalyptus dives zu nennen, dessen Hauptbestandteil Piperiton zur Synthese von Menthol und Thymol dient. Diese Eucalyptus-Art wächst vor allem im Central und Southern Dividing Range von New South Wales. Die Produktion des Öles ist jedoch aufgrund der hohen Arbeitskosten bedrohlich zurückgegangen, und die Hauptmenge wird heute aus Südafrika importiert, wie bereits eingangs erwähnt. Das ätherische ÖI der früher als „Eucalyptus phellandra" bezeichneten Art, die in Wahrheit eine chemische Rasse von Eucalyptus radiata ist, wurde früher in sehr großen Mengen in Desinfektionsmitteln und flüssigen Seifen für den heimischen Markt verarbeitet. Heute ist die Destillation dieses Öles weitgehend eingestellt, eine. Folge der starken Konkurrenz des chinesischen synthetischen „Eucalyptusöles", das nicht von einer Eucalyptusart stammt, sondern aus Fraktionen des Campheröles (von Cinamomum camphora Sieb.) besteht.

Ätherische Öle für die Parfümerie

Am interessantesten für den vorliegenden Rahmen dürften diejenigen ätherischen Öle sein, die in der Parfümerie Verwendung finden.
Beginnen wir auch hier wieder mit den Eucalyptus-Ölen. Am bekanntesten von ihnen dürfte das ÖI aus Eucalyptus citriodora sein, früher ein wichtiger Rohstoff zur Isolierung von Citronellal. Die Gewinnung dieses Öles ist in Australien heute eingestellt. In anderen Ländern werden dagegen noch größere Mengen dieses Öles destilliert, vor allem in Brasilien, wo das Citronellal auch zur Herstellung von synthetischem Menthol diente, und in Südafrika. Weitere Eucalyptus-Arten, die gelegentlich destilliert wurden, sind Eucalyptus macarthuri und Eucalyptus staigeriana. Die erste Art liefert ein ätherisches ÖI mit einem Gehalt von etwa 70 % Geranylacetat, die zweite ein solches mit einem Gehalt von etwa 40 % Citral. Beide Öle werden schon lange nicht mehr destilliert, da ihre Verwendungsmöglichkeiten beschränkt sind, die Ausbeuten gering und die Herstellungs- kosten zu hoch.
Ätherische Öle aus Pflanzen verschiedener anderer Gattungen, die an sich wertvoll sind, jedoch heute ebenfalls nicht mehr gewonnen werden, sind das Öl aus teptospermum citratum, das einen hohen Prozentsatz Citral enthält, das Öl aus den Blüten von Boronia megastigma dessen Herstellung übrigens kürzlich in kleinem Maßstab wieder aufgenommen wurde, und schließlich Araucaria-Öl aus dem Holz von Callitropsis araucarioides, einem auf Neukaledonien wachsenden Baum. Ferner gehört in diese Gruppe noch das ÖI einer chemischen Varietät von Melaleuca quin-quenervia. dessen Gewinnung einst Grundlage einer blühenden Industrie an der Nordküste von New South Wales war. Dort wächst dieser Baum., der als „broad leaved paper bark tea tree" bezeichnet wird, in großen Beständen im Gebiet nördlich von Gosford. Einzelne Bäume der verschiedenen Populationen liefern ein ätherisches Öl mit einem Gehalt von 70 bis
85 % Nerolidol und 15 bis 30 % Linalool, andere ein solches, das zu 90 % aus Nerolidol besteht und kein Linalool enthält.
Leider setzte das Aufkommen des synthetischen Nerolidols dieser Industrie ein Ende. Eines der wertvollsten ätherischen Öle Australiens und eines, welches auch seit langer Zeit laufend gewonnen wird, ist das Westaustralische Sandelholzöl aus Santalum spicatum . Dieser kleine Baum wächst in den Trockengebieten Westaustraliens und auch den anschließenden Gebieten Südaustraliens, das ätherische Öl wird jedoch nur in Westaustralien gewonnen. Erstmals wurde es versuchsweise im Jahre 1875 hergestellt , die Großproduktion wurde jedoch erst 1921 aufgenommen. Die Gewinnung des Öles erfolgt durch Extraktion des zerkleinerten Holzes mit Lösungsmitteln . Hauptbestandteil des Öles ist der cyclische Sesquiterpenalkohol Santalol, daneben enthält es auch etwas Farnesol .
Von allen Pflanzengattungen Australiens wurden zahlreiche Arten, die ätherische Öle enthalten, im Verlauf der letzten hundert Jahre untersucht. Einige von ihnen könnten hinsichtlich einer Verwendung ihrer Öle in der Parfümerie von wirtschaftlichem Interesse sein. Keines dieser nachfolgend genannten Öle wird jedoch bisher in kommerziellem Maßstab gewonnen. Die Gründe hierfür sind entweder ein zu seltenes Vorkommen der betreffenden Pflanzen oder zu hohe Herstellungskosten und mangelnde Einsatzmöglichkeiten der Öle.
Am interessantesten scheinen in dieser Gruppe die ätherischen Öle aus dem Holz der „cypress pine" genannten Bäume Callitris hugelii und C. endlicheri zu sein. Sie enthalten vor allem den Sesquiterpenalkohol Guajol sowie freie Citronellsäure. Zur Zeit wird von diesen Bäumen nur das als Sandarak bezeichnete Harz in nennenswerten Mengen gewonnen.
Von Wert für die Parfümerie könnten weiterhin noch das Rosenholzöl aus Dysoxylon fraseranum sein, welches vor allem )?-Cadinen enthält, sowie das ätherische Öl aus dem, in Australien „Buddah" genannten, Holz von Eremophilia mitchellii, das unter anderem Eremophilon und fünf weitere verwandte bicyclische Sesquiterpenketone enthält. Alle genannten Öle haben gute fixierende Eigenschaften, das zuletzt genannte könnte darüber hinaus auch als eigenständige Geruchskomponente Verwendung finden.
Die ätherischen Öle einiger Varietäten von Melaleuca quinquenervia und von Melaleuca ericifolia könnten durch ihren hohen Gehalt an Linalool interessant sein und das Öl einer Varietät von Leptospermum citratum durch seinen hohen Prozentsatz an Geranylacetat.
Kürzlich wurde in Queensland eine Varietät von Melaleuca viridiflora entdeckt, deren Blätter reichlich ätherisches ÖI mit einem Gehalt von etwa 70 % Methylcinnamat liefern. Möglicherweise hat diese Entdeckung in naher Zukunft eine wirtschaftlich interessante Produktion zur Folge. Weiterhin wurde ebenfalls vor kurzem bei einer chemischen Rasse von Melaleuca leucodendron, die im Norden von Queensland weit verbreitet ist, ein ätherisches ÖI mit einem hohen Gehalt an Methyleugenol und Methylisoeugenol gefunden.
Die heimische Flora Australiens ist noch weit von einer vollständigen Erforschung entfernt, und zahlreiche Forschergruppen untersuchen laufend die Zusammensetzung der ätherischen Öle von Pflanzenarten, die bisher noch gar nicht oder aber zu früheren Zeiten vor Einführung moderner Methoden nur unvollkommen untersucht worden sind. Ein schwieriges Problem der australischen Flora ist immer wieder das Auftreten chemischer Rassen innerhalb einer Pflanzenart. Dieses Vorkommen einzelner Varietäten, deren ätherisches Öl sich in seiner Zusammensetzung völlig von dem der „normalen" Art unterscheidet, ist weit verbreitet und kann von grundlegender wirtschaftlicher Bedeutung sein. Ein besonders instruktives Beispiel hierfür ist Eucalyptus dives. Wie bereits erwähnt wurde, liefert die „Varietät C" dieser Eucalyptusart ein für medizinische Zwecke verwendbares ätherisches Öl, das bis zu 70 % Cineol enthält. Aus der „normalen" Art, Eucalyptus dives „Typus", wird dagegen ein Öl für industrielle Zwecke mit einem Gehalt von 40 bis 50 % Piperiton gewonnen. Eine dritte Form, die „Varietät A", enthält ein Öl mit einem Gehalt von weniger als 10 % Piperiton, das wirtschaftlich uninteressant ist.
Australien ist ein Land mit hohen Arbeitskosten, und aus dieser Tatsache ergibt sich, dass die Gewinnung vieler potentiell wertvoller ätherischer Öle solange wirtschaftlich uninteressant sein wird, bis nicht Plantagen der betreffenden Pflanzen angelegt werden und moderne Methoden hinsichtlich einer mechnisierten Ernte und einer leistungsfähigeren Destillation angewendet werden. Es wurde bereits und wird immer noch sehr viel Arbeit aufgewendet, um Kenntnisse über die Anlage und Behandlung von Plantagen zu sammeln. Dabei werden Fragen wie optimaler Abstand der Bäume voneinander, Zeitpunkt der Ernte, Häufigkeit der Ernten und andere Probleme der Kultivation von Bäumen untersucht. Gleichzeitig werden Untersuchungen angestellt über den Einfluss von Düngemitteln auf Pflanzen, die ätherische Öle bilden. Wir wissen bisher sehr wenig über die Auswirkung einer Zufuhr von Düngemitteln in Plantagen von Bäumen wie Eucalypten. Es ist zwar bekannt, dass gewisse Düngemittelkombinationen die mengenmäßige Zusammensetzung ätherischer Öle verändern können oder dass stickstoffhaltige Düngemittel den Ertrag an Blättern pro Fläche steigern können, genaue wirtschaftlich verwertbare Kenntnisse gibt es jedoch auf diesem Gebiet bisher noch nicht.
Neben den ätherischen Ölen aus Pflanzen der heimischen Flora werden in Australien auch eine Reihe von Ölen aus Pflanzenarten gewonnen, die erst durch den Menschen hierher gebracht und angebaut werden. So gibt es eine blühende Citrusöl-Industrie in allen Staaten, und in Queensland werden beträchtliche Mengen Ingweröl destilliert. Am erfolgreichsten ist jedoch wohl die Lavendelöl-Industrie in Tasmanien, die ein qualitativ gutes Öl sowohl für den heimischen Markt als auch für den Export herstellt. Hier ermöglichte die Kombination von strenger Auslese des Pflanzenmaterials, Mechanisierung der Ernte und leistungsfähiger Destillation die wirtschaftliche Produktion eines Öles, das sich mit den besten Lavendelölen anderer Anbaugebiete messen kann. Eine ähnliche qualitative Annäherung wird übrigens auf den Plantagen Tasmaniens auch bei Pfefferminze und Krauseminzeangestrebt, und bereits heute wird diesen dort gewonnenen Ölen eine aussichtsreiche Zukunft vorausgesagt.


* Vortrag, gehalten vor der Australischen Gesellschaft der Kosmetikchemiker, Fünftes Jahresseminar, Canberra, 18. bis 20. April 1969


Aus dragoco report 04/1970
Mit freundlicher Genehmigung

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