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Gartenlexikon

Tinctorum

Botanischer Artname, bedeutet: Färber- Die Färberkamille ( Anthemis tinctoria ) gehört zu den Korbblütengewächsen. Die in Europa und .. ..weiterlesen

Jasmin und Odysseus

Jasmin blüht, wo Odysseus strandete

Hubertus von Streit

Auf seinen Irrfahrten strandete Odysseus bei Scilla. Noch heute herrscht in der Meeresenge zwischen dem Festland und Sizilien eine solche Strömung, dass man sie deutlich an der Oberfläche erkennen kann. Auch heute noch kommt es vor, dass bei ungünstigen Wind- und Strömungsverhältnissen Schiffe hilflos in die Strudel geraten. Dann greift die Marine ein und schleppt mit den starken Maschinen ihrer Schiffe die Fahrzeuge aus der Strömung. Die Durchfahrt wird für kleine Schiffe gesperrt, wenn die gefährlichen Strömungen rechtzeitig erkannt werden. Da trotz der heutigen technischen Möglichkeiten Schiffe gefährdet werden, ist es. erklärlich, dass Odysseus mit seinen Fahrzeugen Schiffbruch erlitt. Die Nachfahren derer, die Odysseus einst Gastrecht gewährten, empfangen ihre
Gäste auch heute noch mit südländischer Herzlichkeit. Das sei dankbar bekundet; denn in dieses Land führte mich meine Reise. Bedingt durch seine wechselvolle Geschichte findet man in Süditalien und speziell auf Sizilien Baudenkmäler, in denen Kultureinflüsse verschiedener Völkerstämme wiederzu- finden sind. Sarazenen, Griechen, Römer und Hohenstaufen regierten einst in Sizilien, um nur einige zu. nennen. Auch an der Bevölkerung sind diese Epochen nicht spurlos vorübergegangen, und daraus resultiert vermutlich die besondere Mentalität der Sizilianer. Wie alle südlichen Länder ist auch Italien ein Land der Gegensätze. Von üppiger Vegetation bis zur steinigen Wüste sind es oft nur wenige Schritte. Das Land besitzt sehr viel Schönes, im Süden Italiens und auf Sizilien gibt es kaum eine Straße, die nicht nach wenigen Kilometern wieder den Blick auf das freie Meer öffnet oder unentwegt am tyrrhenischen oder ionischen Meer entlangführt. Der Pflanzenwuchs auf den Bergen ist karg, so dass schon Agaven und Feigenkakteen Mühe haben, mit ihren Wurzeln Halt und Nahrung zu finden. Was jedoch einmal Fuß gefasst hat, ist üppig und widerstandsfähig, ausgenommen sind die Gräser, die nur im Frühjahr grün sind, um dann bald durch Sonne und mangelnde Niederschläge braun zu werden. Wo es der Boden zulässt, befinden sich Kulturen, die schon seit Jahrhunderten gepflegt werden. Auch die Jasminpflanze in Calabrien, die dort seit ca. 1920 angebaut wird, muss gepflegt werden. Jasminum grandiflorum L. war in Indien heimisch und fand im Mittelmeerraum ein neues Zuhause, wo es prächtig gedeiht und der jahrhundertealten Vorliebe der Südländer für Wohlgerüche entgegenkommt.

Die Jasminkultur liefert hier wohl den wertvollsten natürlichen Riechstoff. In Calabrien gibt es viele alte Jasminkulturen, die seinerzeit unter den Bergamottebäumen angelegt wurden. Es' hat sich jedoch gezeigt, dass der Bergamottebaum die Entwicklung der Jasminbüsche später beeinträchtigte, deshalb ist man dazu übergegangen, beim Anlegen neuer Pflanzungen Jasmin und Bergamotte wieder zu trennen. Die Jasminpflanze als solche ist widerstandsfähig, ausgenommen gegen Kälte. Die Vermehrung geschieht, indem man Schößlinge zum Anwurzeln ins Treibbeet steckt. Die Büsche werden kaum höher als 1 m bis maximal 1,50 m.

Inzwischen hat man sich auch in Sizilien für diese Pflanze interessiert und es sind schon beachtliche Pflanzungen entstanden, besonders im Gebiet von Barcelona (Sizilien).

Die italienische Erzeugung von Jasmin-Produkten deckt ca. 40 % des Weltbedarfes, wovon etwa 10 % auf der Insel Sizilien anfallen. Die Preisentwicklung der letzten Jahre hat viele Bauern veranlasst, die Jasminproduktion zu erweitern, wodurch es bald zu einem größeren Angebot auf dem Markt kommen wird. Selbst auf Sizilien ist es heute nicht einfach, Arbeitskräfte in größerer Zahl zu finden und auch nicht so billig wie einst.

Die Jasminproduktion ist sehr lohnintensiv. Eine Person vermag pro Tag 10 kg Blüten zu pflücken. Um 1 kg Jasmin-Concrete herzustellen, werden ca. 300 kg Blüten benötigt. Zum Pflücken werden viel Kinder beschäftigt, die schon bei Sonnenaufgang mit der Arbeit beginnen. Ausbeute und Qualität sind am besten, wenn man die sich gerade öffnenden Blüten pflückt und zur Mittagszeit mit dem Pflücken aufhört. Die Erntezeit in Italien für Calabrien und Sizilien ist von Ende Juni bis Anfang November. Als Tourist bekommt man die Jasminpflanzungen selten in voller Blüte zu sehen, da man ja meist zu spät aufsteht! Wird man aber durch Schlaflosigkeit aus dem Bett getrieben und trifft auf ein Jasminfeld, in dem oft fast 100 Menschen Blüten pflücken, ist ein betörender Duft wahrnehmbar. Die Blüten sind unscheinbar, weiß mit einem blaurötlichen Blütenansatz. Man darf den Zustand der Pflanzungen nicht mit strengen Maßstäben messen; denn die Felder sind keineswegs frei von Steinen und das Unkraut wird im Wachstum nur gedämmt. Die Blüten werden gleich nach dem Pflücken in 10 cm dicker Schicht auf Chassis ausgebreitet. Je nach Höhe des Extraktionsbehälters werden entsprechend viele Einsätze benötigt. Dann wird der Extraktor mit Petroläther gefüllt. Je nach Erfahrung der verschiedenen Hersteller von Jas- min Concrete werden die Blüten mehrere Stunden im Petroläther belassen. Das Lösungsmittel dieses Behälters wird dann in den nächsten, mit frischen Jasminblüten gefüllten Extraktor geleitet, um so das Lösungsmittel weiterhin mit Blütenöl anzureichern. Danach wird das Lösungsmittel in eine Destillationsblase gefüllt. Dort wird zunächst bei vorsichtiger Erhitzung der Petroläther wieder abgetrieben und der Rückstand in eine kleine Destillationsanlage gepumpt. Unter Vakuum wird der Rest des Petroläthers abgetrieben und das reine Concrete bleibt in der Blase zurück. Die letzte Destillation findet bei ca. 60-70° statt. Das noch heiße Concrete wird aus der Blase abgelassen und hat zunächst einen brenzligen Beigeruch, der verlorengeht, sobald die Ware abkühlt und dabei schmalzartig erhärtet.

Concrete aus im August gepflückten Blüten, die sogenannte Cceurware, wird von den Parfümeuren bevorzugt. Das Jasmin Concrete dieser Erntezeit kommt dem Geruch der sich öffnenden Blüte am nächsten. Alle Versuche, den Geruch des natürlichen Jasmins nachzuahmen, führten bisher nur zu Teilerfolgen.

In der Riechstoff-Industrie wird für viele Parfümoele Jasmin Absolue verarbeitet, dazu muss das Concrete noch einmal mit Alkohol ausgewaschen werden. In Gefrierschleudern werden die Wachsbestandteile abgesondert und die im Alkohol gelösten Geruchstoffe durch eine schonende Vakuumdestillation isoliert.

In Calabrien gibt es nur wenige große Hersteller von Jasminprodukten, fast alle haben eigene Plantagen. Viele kleine Plantagenbesitzer produzieren mit primitiven Apparaturen pro Jahr nur 20-100 kg Concrete. Der Verkauf ist nicht so organisiert wie z. B. beim Bergamotteoel. Jeder einzelne versucht, sein Concrete selbst an den Mann zu bringen.

Vor einigen Jahren noch wurde fast das gesamte Concrete von Firmen aus Grasse aufgekauft und dort in Absolue umgearbeitet. Dadurch trat Italien auf dem Weltmarkt gar nicht so in Erscheinung. Heute hat sich die Situation geändert. Schon mehrere italienische Firmen bieten auch Jasmin Absolue an.
Manche kleine Pflanzungen sind im Besitz von wohlhabenden Unternehmern, die ihr Geld zumeist anderweitig verdienen, aber bei hohen Preisen erhoffen sie sich hiervon Gewinn. Die Anlagen zur Herstellung von Concrete werden nur für Jasmin verwendet und demnach nur ca. 4 Monate im Jahr benutzt, wodurch sich die Amortisationszeit dieser Anlagen verlängert.

Wenn man glaubt, dass das Heer der Pflücker nur aus „Trovatori" besteht, so wird man dort eines- besseren belehrt. Die weiblichen und männlichen Pflücker müssen sich sputen, um den lebensnotwendigen Lohn zu erzielen. Gesprochen wurde bei der Arbeit viel, jedoch habe ich keinen Gesang vernommen. Bezahlt wird der Pflücker nach dem abgelieferten Gewicht der Blüten. Daraus erklärt sich die zwangsweise erworbene Fingerfertigkeit schon bei Kindern. Durch je zwei im Abstand von etwa 1,50 m gepflanzten Buschreihen geht ein Pflücker, vor sich die mit Blüten übersäten Jasminsträucher, hinter ihm leuchtet nur noch das dunkle Grün der Blätter mit einigen bläulich roten. Punkten der Blütenknospen.
Neugierig wurde ich von den Pflückern beobachtet. Auf meine Bitte stellten sich genügend Damen als Fotomodell zur Verfügung. Diese Pflückerinnen sind die einzigen Farbflecken in der Landschaft, denn nur die Plantagen sind grün und die Berge der Umgebung schmutzigbraun. Dieses' Land hat manche Reize, trotz sehr vieler Steine bringt es Orangen, Citronen und Bergamotten sowie den begehrten Jasmin hervor. Der fruchtbare Boden, das günstige Klima und der Einfallsreichtum seiner Bewohner, auch mit primitiven Mitteln die Felder zu bewässern, lässt auch diese Pflanze gedeihen. Schon Homer hat, als er die Irrfahrten seines Helden Odysseus beschrieb, dieses Land und seine Bewohner mit Recht bewundert.



Aus dragoco report 02/1966
Mit freundlicher Genehmigung