Karl Bergwein
Von allen ätherischen Ölen, die der Parfümindustrie zur Verfügung stehen, ist das Jasminblütenöl das wichtigste. Heute erzielt man damit bei einem neuen Parfüm zwar keine eigene Note, doch lässt sich ein bis fast zur Verdunstung beständiger herrlicher Blütenduft nur mit „Jasmin" erzielen. Es ist keinesfalls übertrieben zu behaupten, dass der Erfolg vieler französischer Parfüms vor allem auf weitgehender Verwendung von Jasmin beruht. Als Beispiel kann „Chanel 5" dienen. das um 1925 von Ernest Beaux „kreiert" wurde. Dieser gilt als Vater der „Aldehydnote". Aber auch der von ihm aufgezeigte Einsatz hoher Dosen Jasminöles ist besonders hervorzuheben; denn damit führte er neue Gedanken in die Parfümerie ein, abgesehen von der diesem Parfüm eigenen Note, die auf sorgfältig abgewogenen Mengen von Fettaldehyden beruht. Wenn nach mehr als 40 Jahren „Chanel Nr. 5" seinen Ruf halten konnte, so nur deshalb, weil Ernest Beaux damit ein echtes Meisterwerk geschaffen hatte.
Der echte Jasmin (Jasminum officinale), der nur in den wärmsten Teilen Mitteleuropas ausdauert, stammt wahrscheinlich aus den südlichen Vorbergen des Himalayas. Der aus Südeuropa stammende
Pfeifenstrauch (Philadelphus) wird wegen seiner weißen, stark duftenden Blüten auch Garten-Jasmin oder falscher Jasmin genannt.
Zu den im Vorfrühling blühenden Sträuchern gehört der nacktblütige Jasmin (Jasminum nudiflorum), dessen gelbe Blüten vor dem grünen Laub erscheinen. Diese Blüten besitzen 6-zipflige Kronensäume und 2 Staubblätter. Der 1 1/2 m hohe Strauch stammt aus Ostasien und hat grüne rutenförmige Zweige. Die Blütezeit liegt zwischen Weihnachten und März. Die Extrakte des Jasmins werden alle von den Blüten des spanischen Jasmins (Jasminum grandiflorum L.) gewonnen, nur die Herstellungsmethoden sind verschieden.
Nach dem ältesten Verfahren, der Enfleurage à froid, erhält man zunächst ein mit Riechstoffen angereichertes Fett, die Pomade, aus der man durch Ausziehen mittels Alkohol, die sogenannten Lavages und weiter durch Abdestillieren des Lösungsmittels „Jasmin absolue enfleurage" oder „Absolue pomade" gewinnt. Letzteres ist eine zähe, durch ihren großen Gehalt an Indol, rotbraun gefärbte Flüssigkeit mit der hohen Säurezahl von etwa 110. Dieser Extrakt hat eine feine warme, doch leicht „fettige" Blüten-Note, doch findet man heute diese Form der Extraktion nur noch selten.
Die zweite Gewinnungsart der Jasminextrakte erfolgt durch Ausziehen der frischen Jasminblüten mit Hilfe von Petroläther oder Benzol. Nach Abdestillieren des Lösungsmittels erhält man zunächst die „Essence concrete Jasmin", eine wachsartige, rotbraun gefärbte Masse mit dem Erstarrungspunkt 49,5 bis 50,5° C und der Verseifungszahl 90 bis 120. Durch Entfernen des festen Blütenwachses gewinnt man aus dem Concrete dann „Essence absolue Jasmin" (éther, bzw. benzol). Bei gewöhnlicher Temperatur ist diese flüssig, enthält aber noch geruchlose Pflanzenstoffe und hat die Säurezahl von etwa 10, die Esterzahl von etwa 120. Das völlig vom Pflanzenwachs befreite Absolue kommt unter der Bezeichnung „Integralessence" als dünnflüssiges und wenig gefärbtes Öl in den Handel. Das Absolue éther riecht hell und strahlend, typisch nach dem Blütenduft ausstrahlend, und das „benzol" fruchtig, süßer, schwerer!
Eine dritte Form der Jasminextrakte ist „Jasmin absolue châssis". Diesen Extrakt gewinnt man aus den Blüten, die bei dem Enfleurageverfahren von den Chassis entfernt werden und früher nicht weiter verwertet wurden. Durch Ausziehen mit Petroläther stellt man heute — nur in einigen Grasser Häusern — aus diesen Blüten die zähflüssige durch den Indol-Anteil rötlich gefärbte „Essence absolue châssis" her, mit einer Säurezahl von etwa 25 und einer Esterzahl etwa 130. Dieser Jasminextrakt besitzt einen fruchtig-fettigen etwas an Birnenkompott erinnernden Geruch, und er eignet sich auch gut zur Abstimmung von Essenzen und Fruchtölen. In Essence absolue châssis überwiegen die schwerer flüchtigen Riech- stoffe wie Anthranilsäuremethylester, Indol, Jasmon, weshalb sie eine gute Fixierkraft hat.
Von den nach verschiedenen Gewinnungsmethoden aus Jasminblüten gewonnenen Blütenölen ist das „Jasmin absolue enfleurage" das wertvollste. Jasmin absolue éther (oder benzol), der heute gebräuchliche Ausdruck hierfür, erinnert am stärksten an den Duft der lebenden Blüte.
Die durch Ausziehen mit Hilfe tierischer Fette erhaltenen Erzeugnisse, insbesondere Jasmin absolue châssis, die aus toten Blüten stammen, wirken geruchlich weniger natürlich. Im übrigen wird dieses Verfahren der Gewinnung von Blütenölen heute kaum noch angewandt.
Man könnte fast sagen, dass es ohne natürlichen Jasmin kein großes Parfüm gibt, andererseits ist die Parfümerie bemüht, im Nachgang verschiedene andere blumige Noten zu bieten. Dabei setzte man gewisse Hoffnungen auf die „Butaflors". Im Verlaufe der Laboratoriumsversuche, die der industriellen Herstellung vorausgingen, hat man festgestellt, dass aus der Blüte des Maiglöckchens ein Riechstoffkomplex gewonnen werden konnte, dessen blumiger Duft zumindest so beständig ist wie der des Jasmins, so dass der feine Duft des Maiglöckchens auch bei extremer Verdunstung voll erhalten blieb. Man glaubte sich damit vom Zwange, Jasmin zu verwenden, freizumachen. Leider war die auf die Butaflors gesetzte Hoffnung trügerisch. Das Maiglöckchen gedeiht nur im Norden Frankreichs, im Mittelmeerklima findet es keine geeigneten Lebensbedingungen. Dort wo man Maiglöckchen erntet, ist der Ertrag zu stark vom Zufall abhängig, denn die Blütezeit ist kurz, der Lufttransport kostspielig und — obgleich schnell — den zarten Blüten abträglich. So ist man auch weiterhin auf Jasmin angewiesen, und gerade die großen Parfüms, auf die sich der Ruf der französischen Parfümerie stützt, werden sicher noch lange Zeit ihre. besten Eigenschaften dem Jasmin verdanken.
Jasmin ist aber nicht gleich Jasmin, und es ist eine bekannte Tatsache, dass der beste Jasmin in Frankreich, und zwar im Gebiet um Grasse angebaut wird. Man sagt, dass die Qualität des Duftes einer Blüte von der geographischen Lage ihre
Standortes abhängig sei, und dass die Blüten der höchsten geographischen Breiten den besten Duft lieferten. Sicher trifft dies für den Jasmin von Grasse zu. Nördlich von Grasse gibt es keinen industriellen Anbau von Jasmin mehr, jedoch zahlreiche südlicher gelegene Kulturen, so in Italien, Algerien, Marokko, Palästina, Aegypten, China u. a. Selbst wenn man der Regel von der geographischen Breite keinen großen Wert beimisst, stimmen die meisten Fachleute doch darin überein, dass die Qualität des Jasmins von Grasse an der Spitze steht, wenn auch aus Süditalien heute Jasmin-Produkte kommen, die oft qualitativ durchaus befriedigen. Die Gründe für die hohe Grasser Qualität liegen vor allem in den klimatischen Bedingungen, am Boden und an den klimabedingten Anbaumethoden wie z. B. dem Pfropfen. Der Jasmin von Grasse ist ein Pfropfprodukt. Man pfropft dabei spanischen Jasmin (Jasminum grandiflorum) auf den in den Seealpen wild wachsenden gemeinen Jasmin (Jasminum officinalis). Dadurch unterscheidet sich Jasmin von Grasse von anderen Jasminarten, denn es handelt sich dabei nicht um einen von der Wurzel gezogenen Strauch, wie es überall dort der Fall ist, wo Jasmin für die Duftstoffgewinnung kultiviert wird.
Im Pfropfen des bodenständigen Jasmins liegt aber der Unterschied gegenüber anderen Jasminarten. Der Jasmin von Grasse erreicht nur eine Höhe von etwa 50 cm, während z. B. der Jasmin von Algerien die eines Menschen erreicht. Solange die Industrie von Grasse bei der Ernte und dem Transport der Jasminblüten die auf langer Erfahrung beruhenden Regeln beachtet,
wird der Jasmin von Grasse der qualitativ beste sein. Natürlich spielt auch die Fabrikationstechnik eine Rolle dabei. Um sich auch über die Kosten eines Jasminblüten-Produktes ein Bild machen zu können, sei erwähnt:
8000 Jasminblüten gehen auf 1 kg. Aus 350 kg Blüten erhält man 1 kg Jasminblütenöl.
Auch in Indien verwendet man mit Vorliebe Jasmin zur Herstellung natürlicher Parfüms. Dieser kommt in zahlreichen Arten vor: Jasminum grandiflorum, Jasminum sambac (mit den Spielarten Khoye-Battish, Motia-Bata und Rai), Jasminum auriculatum, Jasminum fructians, Jasminum augustifolium, Jasminum arborescens u. a. Fetthaltige Parfüms mit Jasminduft findet man in Indien unter den Bezeichnungen Bela, Jooee und Chamelioel. Seit vielen Generationen werden diese Parfüms von den Indern nach der Enfleurage-Methode in folgender Weise hergestellt:
Geschälte, gewaschene und an der inne getrocknete Sesamsamen breitet ran gleichmäßig aus und bedeckt sie mit einer Schicht frischer Jasminblüten. Darüber breitet man wiederum eine Schicht Samen, die ihrerseits wieder mit Jasminblüten bedeckt werden, und so fort. Dann deckt man alles sorgfältig ab und lässt es 12 Stunden stehen. Hiernach entfernt man die Blüten und ersetzt sie durch frische. Dieses Verfahren wird nach Belieben wiederholt. Schließlich presst man die Samen aus und sammelt das fette Öl, welches den Geruch der Jasminblüten angenommen hat. Ein zweites Verfahren beruht darauf, dass man mit Sesamöl getränkte Tücher verwendet und zwischen diese abwechselnd Schichten von Jasminblüten legt, letztere nach je 12 Stunden entfernt und durch frische Blüten ersetzt. Nach . Beendigung des Verfahrens werden die Tücher ausgepresst und das Öl gesammelt. Weitere Blütenparfüms werden durch Wasserdampfdestillation der Blüten über freiem Feuer gewonnen, wobei man das Destillat in Sandelholzöl leitete. Diese unter der Bezeichnung Itr of Goolab, Jasmin, Chambak, Bakul usw. auf dem Markt befindlichen Parfüms zeigen durch den dem Sandelholzöl eigenen Geruch nicht den reinen Duft der verwendeten Blüten. Diese mit fetten Ölen oder Sandelholzöl gemischten Parfüms werden Attars genannt. Man verwendet sie als Haaröle und zu anderen kosmetischen Zwecken.
Die von verschiedenen Forschern vorgenommenen chemischen Untersuchungen der durch Enfleurage gewonnenen, also restlos flüchtigen Jasminblütenöle ergaben ungefähr folgende Zusammensetzung:
60-65 % Benzylacetat, 15,5 % Linalool, 7,5 % Linalylacetat, 6 % Benzylalkohol, 3 % Jasmon, 2,5 % Indol, 0,5 % Anthranilsäuremethylester. Außerdem konnte noch die Anwesenheit von Geraniol, Farnesol und Paracresol festgestellt werden. Das Vorhandensein kleiner Mengen von Eugenol, Alkoholen und Aldehyden höherer Fettsäuren u. a. wird vermutet, konnte aber bisher nicht nachgewiesen werden. Es sei hier darauf hingewiesen, dass ein Indolgehalt von 2,5 %, wie er im Jasmin absolue enfleurage normal ist, niemals in einem synthetischen Jasminblütenöl eingesetzt werden kann, man muss sich mit weit weniger begnügen. Der natürliche Indolgehalt der durch Extraktion gewonnenen Jasminprodukte ist auch weit geringer. Anthranilsäuremethylester und Indol sind Stickstoff enthaltende Körper, und man nimmt an, dass sie im Phyllopyrrol entstehen, das in den (durch Chlorophyll) grünen Teilen der Pflanze enthalten ist.
Bemerkenswert ist, dass gerade die schwülsten Düfte den blendend weißen, zart geformten Blüten des Jasmins, der Tuberose, des weißen Flieders, der weißen Lilie und den Orangeblüten eigen sind. Das gemeinsame Auftreten von Anthranilsäuremethylester und Indol in natürlichen Blütenölen ist fast immer mit einer schwülen Geruchswirkung verbunden.
Die Natur bedient sich beim Aufbau ihrer Duftkomplexe neben den uns zum überwiegenden Teile bekannten Riechstoffen, die quantitativ den wichtigsten Inhalt vieler natürlicher Kompositionen bilden, gern kleiner und kleinster Mengen. Diese daher schwer identifizierbaren Stoffe besitzen meist hervorragende Geruchsintensität und einen spezifischen Geruchscharakter für den ganzen Typ und besonders für dessen „Natürlichkeit". Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist es jedoch der analytischen Chemie gelungen, eine Reihe solcher Nuanceure zu identifizieren. Als Beispiele seien erwähnt: das Ambrettolid (Moschuslakton), Jasmon (Jasminketon), Indol, Skatol, Ambron, die höheren Fettaldehyde und neuerdings die Gruppe der Dragoide (oxide!).
Es gibt zahlreiche Arbeiten über die Bestandteile des Jasminöles, doch sind die Ergebnisse nicht systematisch veröffentlicht worden. So nimmt man allgemein im reinen Jasminoel einen Gehalt von 7 % Linalylacetat an, vor einiger Zeit hat jedoch Y. R. Naves nachgewiesen, dass Linalylacetat im reinen Jasminöl fehlt.
Selbst mit dem wohl geruchswichtigsten Körper, der das eigentliche Geruchsprinzip des Jasminöls ausmacht, dem Jasmon, ein Keton der Formel C
11H
160, ist es noch nicht gelungen, ein künstliches Jasminöl herzustellen, das das echte Produkt voll ersetzen kann. Jedoch bei der vielseitigen Verwendung des Jasminduftes' sind die künstlichen Jasminblütenöle von besonderer Bedeutung. Diese können durch ihren naturnahen Duft natürliche Jasminöle oftmals ersetzen. Oder mit ihnen eine Koexistenz bilden. Unabhängig von ihrer Ähnlichkeit mit dem natürlichen Produkt können sie eine neue Duftnote in die Komposition einbringen. Erwähnenswert ist, dass der Tuberosenduft schon in sehr geringer Dosierung dem Jasmindufteine sehr glückliche Nuance verleiht.
Folgende künstliche Jasminöle haben sich in der parfümistischen Praxis besonders bewährt:
0/121080 Jasminblüte besonders feine und kräftige Jasminbase
0/091360 Jasminflor der Duft des Jasmin absolue (Typ „benzol")
0/014600 Jasmonon hell eine feine Jasmin-Spezialität, nicht färbend
0/093280 Jasmin ein Jasminblütenöl von natürlicher Frische und
Strahlung.
Derartige hervorragende, synthetische Jasmin-Spezialitäten, unter Modifikation eines echten Jasmins, verhalfen schon vielen Parfüms zum Erfolg.
Aus dragoco report 12/1967
Mit freundlicher Genehmigung